Ein schottisches Abenteuer

Monatelang hat er mich in Atem gehalten: Der Löwe von Dark Rose. Nun ist der Auftakt zum gleichnamigen Romanzweiteiler erschienen. Er spielt in Schottland und natürlich an den Orten, über die in den vorigen Beiträgen zu lesen ist. Zum Glück musste ich mich noch nicht endgültig von meinen Romanfiguren verabschieden, die mir in den letzten Monaten sehr ans Herz gewachsen sind. Im Mai geht’s für den zweiten Teil wieder auf Recherche-Tour nach Schottland. Auf der Suche nach magischen Orten und spannenden Begegnungen mit einem wunderschönen Land und seiner wechselvollen Geschichte.

darkrose_finalDer Löwe von Dark Rose
– Im Angesicht der Vergangenheit

– Eine große Liebe, ein altes Versprechen und eine Zeitreise in eine aufregende Epoche Schottlands –

Als Maya am ersten Abend ihres lang ersehnten Schottland-Urlaubs im Hotelflur einem Mann begegnet, ahnt sie nicht, dass dieser ein Geheimnis birgt, das ihr von Vernunft und Logik geprägtes Weltbild schon bald erschüttern wird. Lediglich ihr Körper sendet Warnsignale und reagiert mit längst überwunden geglaubten Panikattacken, sobald der Fremde in Mayas Nähe auftaucht. Doch auch ihre Träume beschäftigen Maya zunehmend. Nacht für Nacht erlebt sie, wie eine junge Frau im Schottland des achtzehnten Jahrhunderts mutig für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpft und sich zugleich gegen den Willen ihres Vaters behaupten muss, der seine Tochter mit einem politischen Gegner und Mann zweifelhaften Rufes verheiraten will. Mehr und mehr gerät Maya in den Bann der waghalsigen jungen Frau aus ihren Träumen, die so ganz anders ist als sie selbst. In der Schottin Heather findet Maya schließlich eine Zuhörerin, der sie sich anvertraut. Doch steht Heather wirklich auf ihrer Seite? Als Maya in einem Trödelladen einen alten Sporran – die traditionelle Kilt-Tasche – mit einem goldenen Löwen entdeckt, geschehen plötzlich Dinge, die sie vor ihre größte Herausforderung stellen.

Der Löwe von Dark Rose – Im Angesicht der Vergangenheit ist bei Amazon erschienen.

(M)eine schottische Romanze – Abbotsford House

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Als ich Abbotsford House in der Nähe von Melrose zum ersten Mal besuchte, war ich siebzehn Jahre alt. Das ist eine ganze Weile her. Doch diese erste Begegnung hat meine Begeisterung für Schottland geprägt. Es war genau dort, als der Funke übersprang, und ich zum Schottland-Fan wurde. Nicht, dass ich die „Romanze in Stein und Mörtel“, wie sein Erbauer, Sir Walter Scott (1771-1832), seinen schlossähnlichen Landsitz nannte, schöner fände, als manch anderes schottisches Herrenhaus. Im Gegenteil. Das lange Gebäude mit 20160708_134711 - Kopieseinen vielen Kaminen, Zinnen und kleinen Türmen ist eine gewagte Mischung unterschiedlichster Quellen und ‚Zitate‘ historischer Bauwerke. So soll der Eingang dem Hauptportal von Linlithgow Palace nachgebildet sein, während die Mauer im Hof wie der Kreuzgang von Melrose Abbey gestaltet sei. Und drinnen geht es ebenso vielfältig weiter. Denn der schottische Dichter und Schriftsteller war ein begeisterter Sammler. Beispielsweise von Waffen und Kuriositäten, die die Räume und Wände von Abbotsford House füllen. Stil findet man hier zunächst nicht. Zumindest keinen einheitlichen.

Ein Jurist wird Romantiker

Walter Scott hat in Edinburgh Rechtswissenschaften studiert, wurde anschließend Sheriff von Selkirk und später Richter. Die Literatur hat ihn jedoch schon immer fasziniert und er übersetzte noch während des Studiums Werke bekannter Schriftsteller, darunter auch von Goethe. Als er selbst zu schreiben begann, waren es zunächst epische Romanzen. Aus seiner Feder stammen Werke wie Marmion (1808) oder The Lady of the Lake (1810). 1814 folgte – zunächst anonym – sein erster Waverley-Roman. Damit begründete Scott das Genre des historischen Romans. Dem ersten folgten noch 25 weitere und Sir Walter Scott wurde zum Bestseller-Autor. Rob Roy und Ivanhoe sind ebenfalls schottische Helden, die er zu neuem Leben erweckte und damit einen entscheidenden Anteil an der aufkeimenden Schottlandromantik hatte. Und diese ging schon damals weit über die Landesgrenzen hinaus.

Wieder tragbar: Tartan und Kilt

Eigentlich heißt Scotts erster Waverley-Roman in Übersetzung: Waverley  oder s‘ ist sechzig Jahre her. Mit dem Zusatz ist der Jakobiten-Aufstand gegen die englischen Regierungstruppen gemeint, die mit Charles Edward Stuart – genannt Bonnie Prince Charlie – die Stuarts zurück auf den schottischen und englischen Thron bringen wollten. Der Aufstand endete mit der vernichtenden Niederlage der Clans in der Schlacht von Culloden im Jahre 1746. Natürlich wird im Roman Waverley der Aufstand der Clans ‚offiziell‘ verurteilt und der junge, unerfahrene und in seinen politischen Überzeugungen noch schwankende Held findet gerade noch rechtzeitig den Absprung zur politisch korrekten Seite. Zugleich gelingt es dem Autor aber, den Schotten ihren Stolz zurückzugeben, indem er Geschichte und Tradition der schottischen Clans erzählt und bei seinen Lesern eine romantische Sehnsucht nach den ‚alten Zeiten‘ hervorruft. Eine subtile Form politischen Handelns. Einen großen Schritt weiter geht der zu diesem Zeitpunkt schon geadelte Sir Walter Scott, als er im Jahre 1822 in der Funktion eines Zeremonienmeisters für den Besuch George IV. in Edinburgh – es war der erste Besuch eines englischen Königs in Edinburgh seit 200 Jahren – den royalen Gast in Highland-Outfit mit Kilt in Szene setzt. Seit Culloden war das Tragen von Clan-Attributen wie Tartan und Kilt bei strengster Strafe verboten. Der Auftritt des englischen Königs George IV. in Hochlandtracht machte den Schottenrock nicht nur wieder salonfähig, sondern löste einen wahren Karo- und Kilt-Boom aus, der bis zum heutigen Tage anhält und mit immer neuen Highland-Bestseller-Romanen und -Filmen weiter befeuert wird.

Den Roman Waverley habe ich – angestoßen durch ein Seminar zur englischen (und schottischen) Romantik – ein paar Jahre nach meinem ersten Besuch in Abbotsford House gelesen. Ich gebe zu, das Buch ist ziemlich dick. Doch die Geschichte hat in mir den Wunsch geweckt, endlich einmal nach Culloden zu fahren. Bei meinen bisherigen Schottlandreisen habe ich jedoch keinen meiner Mitreisenden davon überzeugen können. Doch diesmal bin ich ja allein unterwegs.

Romantik bis zum Schluss …

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Dass der Rechtsgelehrte Sir Walter Scott durch und durch ein Romantiker war, zeigt auch seine Grabstätte, die er selbst ausgewählt hat. Es ist die Abteiruine Dryburgh, für deren Erhalt er sich zu Lebzeiten intensiv eingesetzt hat. Dort wurde er 1832 beigesetzt. Bei der Fahrt dorthin soll das Pferd, das die Kutsche mit seinem Sarg zog, noch einmal am nahe gelegenen Scott’s View ohne Anweisung des Kutschers stehen geblieben sein. Der Erzählung nach hat hier Sir Walter Scott immer eine kleine Pause eingelegt, um den traumhaft schönen Blick in die sanfte Hügellandschaft zu genießen.

… und ein wenig Gemecker

20160708_123533 - KopieDoch noch ein letztes Mal zurück zum Haus von Sir Walter Scott. Einer der berühmtesten Kritiker der Stilmischungen an und in Abbotsford House ist Theodor Fontane. In seinem Werk Jenseits des Tweeds lässt er sich ausgiebig darüber aus, wie ich amüsiert gelesen habe. Fontanes Urteil ist jedoch so bissig, dass ich es hier nicht wiedergeben möchte. Denn Abbotsford House ist etwas Besonderes für mich. Vor allem die mit vielen Erstausgaben reich bestückte Bibliothek mit dem schönen Blick hinunter zum Fluss Tweed. Ich bin erleichtert, dass wenigstens im Haus und in den prächtigen Gartenanlagen rundherum noch fast alles so ist, wie ich es in Erinnerung habe. Denn das gilt beileibe nicht für den Teil jenseits von Hof und Haus. Seit 2013 gibt es hier ein sehr großes – zugegeben – dezent gestaltetes Besucherzentrum. Dort bekommt man nicht nur die Eintrittskarten, sondern auch allerlei Schönes aus Tweed und anderen Materialien mit viel Karo und Co. Und eine Etage höher – mit Blick hinüber zu Abbotsford House – befindet sich ein stylishes Restaurant, in dem ich Scones mit Clotted Cream und Erbeermarmelade von quadratisch-schickem Geschirr gegessen und Tee getrunken habe, nachdem ich zuvor (Please wait to be seated!) an einen Tisch komplimentiert worden war. Das Ambiente ist wirklich schön, keine Frage, und Scones und Tee waren köstlich. Dennoch habe ich ein bisschen wehmütig an den kleinen Tea Room mit Selbstbedienung, einfachen Stühlen und Tischen und einem sehr begrenzten Angebot an Speisen und Getränken gedacht,  der sich nahe an Abbotsford House befand und in dem ich früher immer eingekehrt bin. Na bitte, nun blicke auch ich sehnsüchtig in die Vergangenheit. Wenn das nicht Romantik pur ist …

Eine Geschichte voller Magie und Geheimnisse der Vergangenheit

Der Smaragdgarten – ein Sommerroman von Nora Gold

— eine alte Villa, ein düsteres Geheimnis und eine große Liebe —

Smaragdgarten_oBEin nächtlicher Anruf ihrer Freundin lässt Hannah aufhorchen: Etwas stimmt nicht mit der so disziplinierten Marlene. Hannah macht sich auf den Weg in den kleinen Weinort bei Dresden, wo Marlene seit Kurzem lebt, und findet ihre Freundin in einem erschreckenden Zustand vor. Nach anfänglichem Zögern berichtet Marlene schließlich, dass sie von etwas Unbekanntem bedroht wird. Doch auch Hannahs geordnete Welt, zu der eine feste Beziehung mit einem Mediziner gehört, gerät durch Marlenes undurchsichtigen Nachbarn Jonas vollkommen aus dem Gleichgewicht. Welche Rolle spielt jedoch der mittellose Künstler, der in einer alten Villa lebt, die ein düsteres Geheimnis birgt? Ebenso der stille Junge David, der auffallend oft Marlenes Nähe sucht? Und was ist eigentlich mit Peer, Marlenes Ehemann? Während Hannah immer stärker in Jonas‘ Bann gerät, fühlt sich Marlene zunehmend von anonymen Botschaften verfolgt. Bei einer Feier kommt es schließlich zur Katastrophe. Und plötzlich geht es um viel mehr, als um Antworten auf all die ungelösten Fragen.

Wie üblich mit einer Prise Magie…

Als eBook und Print bei Amazon erhältlich.

Vorbilder

Das außergewöhnliche Leben der Lillian Gilbreth (1878 – 1972)

Ein Gastbeitrag von Alicia Muth

Manchmal im Leben wird man gefragt, ob man Vorbilder, gar Idole, habe. Ich hatte damit immer ein kleines Problem – ich hatte eigentlich nie so recht eines. Kein echtes, fixes, mal abgesehen von meinen Eltern, die ja für alle Kinder in gewisser Weise ein Vorbild sind. Und abgesehen von Oma Margareta, die das nach wie vor für mich ganz speziell ist.

Im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren lernte ich dann jemanden kennen, der heute mein Vorbild ist, obwohl wir im Grunde rein gar nichts gemeinsam haben, abgesehen von der Tatsache, dass wir beide Frauen sind. Mein Vorbild vielmehr war es, denn sie ist schon lange tot.

Ich lag mit einer schlimmen Bronchitis und Fieber krank im Bett. Alle Bücher waren bereits gelesen, andere Beschäftigungsmöglichkeiten waren aufgrund der Erkrankung nur erschwert möglich. Meinem Vater tat das leid, und als er einmal in die Stadt fahren musste, um Besorgungen zu machen, ging er in eine Buchhandlung. Er wusste, wie gerne ich lese. Und nach seiner Rückkehr nach Hause kam er in mein Zimmer und hielt ein Buch in der Hand. Ein Taschenbuch. Er wirkte fast ein wenig verlegen, als er meinte: „Ich habe leider den ersten Band nicht bekommen – das sind eigentlich zwei Bände. Aber es wird dir sicherlich gefallen.“ Und er berichtete, dass es um eine amerikanische Familie gehe, eine Familie mit zwölf Kindern, und die Handlung spiele in den 1920ern. Er erklärte, der Vater sei Ingenieur gewesen, Spezialist für Rationalisierung und Arbeitsoptimierung inklusive Zeitstudien.

Ich hörte nur „Ingenieur“, und da mein Vater selber Ingenieur ist und ich von klein auf stets dergestalt mit technischen Erklärungen, Lehrstunden und weiteren Dingen dieser Art konfrontiert worden war, dass es manchmal etwas nervend wurde, dachte ich: „O Gott! Nun auch noch im Krankenbett! Und die Handlung spielt auch noch in der Urzeit!“ Aber da ich sehr an meinem Vater hänge und mich rührte, dass er in der Stadt extra an mich gedacht hatte, las ich das Buch an. Etwas zögerlich zunächst. Und dann legte ich es nicht mehr aus der Hand, denn es war nicht nur interessant, sondern fesselnd. Ein so liebenswertes Buch war es, dass ich ganz traurig war, als ich es ausgelesen hatte. Man mag es nun für verrückt halten, aber ich las es direkt noch einmal. Mein Vater hatte einen Elfmeter getroffen.

Jahre später entdeckte ich bei meinem Ex Richie den ersten Band und las ihn auch in einem Stück durch. An einer Stelle liefen mir dann sogar Tränen übers Gesicht, so sehr hatte ich mich mit dieser Familie „angefreundet“: gegen Ende des ersten Bandes, als der Vater ganz plötzlich und unerwartet stirbt. Band zwei hatte kurz nach dessen Tod eingesetzt, und obwohl ich ja wusste, was Sache war, berührte mich das Ganze doch sehr. Denn: Es ist alles authentisch. Diese Familie, die so sympathisch und tüchtig war, gab es

Postage stamp USA 1983 Lillian M. Gilbreth

Copyright: laufer – Fotolia.com; a stamp printed in the USA in 1983 shows Lillian M. Gilbreth, American psychologist and industrial engineer

wirklich: die Familie Gilbreth. Nach den Büchern sind in den 50ern zwei Filme gedreht worden – „Cheaper By The Dozen“ und „Belles on Their Toes“, zu Deutsch: „Im Dutzend billiger“ und „Aus Kindern werden Leute“.

Mein spezielles Vorbild kommt aus dieser Familie und wurde aufgrund höherer Gewalt zu deren Oberhaupt: Lillian E. Moller Gilbreth, die Mutter des Dutzends. Ihr seht, wir haben schon an dieser Stelle rein gar nichts gemein, denn ich habe nicht einmal ein einzelnes Kind. Geschweige denn ein rundes Dutzend.

Und doch ist sie mein Vorbild, denn sie hatte es gar nicht leicht, als ihr Mann gestorben war und sie ihre Kinder allein durchbringen musste. Da sie selber Psychologin und Ingenieurin war und stets mit ihrem Mann zusammengearbeitet hatte, übernahm sie seine Aufgaben, um die Firma weiterzuführen und die Familie zu ernähren, den Kindern ein Studium zu ermöglichen, wie es stets ihr und ihres Mannes Wunsch gewesen war. Aber man machte es ihr trotz ihrer Kenntnisse, ihrer Intelligenz und ihres gesunden Menschenverstandes nicht leicht. Kein Wunder in dieser Zeit, denn sie war ja eine Frau, und die konnten doch nur kochen, backen, gegebenenfalls Klavier spielen, sticken, stricken, häkeln und Kinder bekommen und erziehen. So dachte man wohl.

Aber Lillian Gilbreth hat gekämpft. In erster Linie für den Erhalt ihrer Familie, denn wäre sie gescheitert, hätte die Familie nicht zusammenbleiben können, und die Kinder hätten zwar nicht im Heim, aber bei Verwandten untergebracht werden müssen, etwas, das Lillian Gilbreth um fast jeden Preis verhindern wollte. Nur im absoluten Notfall wollte sie das akzeptieren – die Kinder sahen es genauso. Schlimm genug, dass der Vater so plötzlich gestorben war – man hielt zusammen, um nicht auseinandergerissen zu werden.

Aber auch die Firma ihres Mannes, der ja ein gefragter Experte war, musste weiterbestehen. Sie verfügte über die gleiche Expertise, aber man nahm sie nicht für voll, belächelte sie in den „Roaring Twenties“.

Geschafft hat sie es durch Beharrlichkeit, ihre Kenntnisse und ihren offenbar ungebrochenen Willen. Und damit überzeugte sie auch die ärgsten Zweifler. Und so erlangte sie nicht nur den Grad eines PhD, sondern wurde damit auch noch Professorin an der Purdue University, dem New Jersey Institute of Technology und an der University of Wisconsin-Madison.

Mein Vater berichtete immer voller Hochachtung, wie er als Student an der RWTH Aachen einen Gastvortrag besucht habe, den Lillian Gilbreth, schon recht alt, dort gehalten hätte. Sie sei eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen, und er ziehe den Hut vor ihrer Leistung. „Eine echte Ingenieurin mit sehr viel Stil und Autorität.“ So sagte er immer.

Aber dass mein Vater sie quasi persönlich „kannte“, habe ich erst lange nach seinem Buchmitbringsel erfahren. Das machte das Ganze natürlich noch viel interessanter.

Lillian Gilbreth und ich haben im Grunde rein gar nichts gemeinsam. Aber sie ist ein Vorbild, da sie nie aufgab. Und sie ist für mich im Hinblick auf Emanzipation ein echtes Vorbild, da sie das Prinzip nicht nur verstanden hatte, sondern auch lebte. Und das bereits vor dem Tod ihres Mannes. In den Goldenen Zwanzigern. Keine bloße Umkehrung von Vorzeichen, die keinerlei Fortschritt bringen würde; nur, dass dann die andere Gruppe sich die Rosinen herauspicken würde, statt der bisherigen. Das war wohl nicht ihre Linie. Sie hat es rigoros durchgezogen, doch wohl nicht nur, weil sie musste. Offenbar eine echte Persönlichkeit. Und da ich das so bewundernswert finde, hängt schon seit längerer Zeit ein Foto von ihr an meiner Büro-Pinnwand. Als dezente Mahnung, niemals aufzugeben, ganz gleich, was für ein Murks über einen hereinbricht.:-)

Und damit ähneln meine beiden speziellen Vorbilder einander. Und noch etwas: Knöpft eure Blusen und Hemden immer von unten nach oben zu. Spart Zeit. Und wenn ihr das nächste Mal einen Tret-Mülleimer oder einen Handmixer benutzt, denkt an Lillian Gilbreth: Wäre sie nicht gewesen, hätten beide Dinge von jemand anderem erfunden werden müssen. Und nicht nur die.:-)

Sage zur Johannisnacht

318„Jetzt zogen Nebelschwaden vom Fuß des Berges herauf und legten sich wie ein kühler Hauch über das Land. Auch die Natur präsentierte sich plötzlich verändert, die Nachtvögel waren verstummt und die Blätter der Bäume hatten aufgehört, im Wind zu tanzen. Die ganze Welt schien plötzlich still zu stehen, heute, in der Johannisnacht. Der einen Nacht im Jahr, in der sich der Berg dem öffnete, der zur richtigen Zeit kam.“

Sagenhafte Oberlausitz

Bei einem Anbieter für Städtereisen habe ich heute meinen Roman Johannisnacht als Buchempfehlung für die Lessing-Stadt Kamenz entdeckt. Das hat mich gefreut. Auf die kleine Stadt in der Oberlausitz bin ich während meiner Recherche gestoßen. Als ich auch noch eine Sammlung mit wunderschönen Sagen dieser Region entdeckte, habe ich entschieden, Kamenz in die Romanhandlung einzubeziehen. Die Stadt hat nämlich auch ihre ganz eigene Sage zur Johannisnacht (23. auf den 24. Juni, siehe ganz unten) …

Ein Besuch in Kamenz lohnt sich aber zu jeder Zeit!

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www.tripango.de/tourismus/kamenz/

„Der kleine Ort präsentierte sich in der warmen Nachmittagssonne von seiner strahlenden Seite. Ich ließ die Fassaden im klassizistischen Stil auf mich wirken, die vielen Durchblicke, die die schmalen Straßen boten, und die besondere Atmosphäre von Kamenz. An jeder Ecke wiesen kleine Schilder Ortsunkundige zu den Attraktionen der Stadt.“

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„In den Monaten nach unserer ersten Begegnung sind Benedikt und ich oft nach Sankt Marien in Kamenz gefahren. Dann haben wir uns auf unsere Bank auf dem alten Friedhof gesetzt und von dort hinunter in die Landschaft geschaut. Es ist so ein schöner und romantischer Platz. Oft stellten wir uns dabei vor, wie die Welt wohl 1729 ausgesehen hat, als Gotthold Ephraim Lessing geboren wurde. Benedikt hat alles von ihm gelesen und schätzt ihn sehr. Nicht weil er unser Nachbar ist – zeitversetzt natürlich -, sondern weil Lessing die Dinge immer von mehreren Seiten betrachtet und sich auch mit den Argumenten Andersdenkender auseinandergesetzt hat. Am besten gefällt Benedikt Lessings Vorstellung von Wahrheit, dass man sie nicht wie einen Gegenstand besitzen, sondern sich ihr nur immer wieder neu annähern kann.“

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„Sanfte Erhebungen zogen sich zu beiden Seiten der Fahrbahn bis an den Horizont. Kontrapunkte setzten Baumgruppen, die über die Landschaft verteilt standen. Ungewöhnlich für die Jahreszeit war nur der leichte Nebel, der alles in einen dünnen, weißen Schleier hüllte. Als ob ein Zauber auf dem Land läge. Vielleicht war das der Grund, warum die Wiesen und Felder diesen Sog auf mich ausübten und mich von Kilometer zu Kilometer weiter in die Landschaft hineinzogen. Die Alleebäume rechts und links der Straße neigten sich nach außen und erinnerten mich an den Zauberwald in meinem alten Märchenbuch. Dort hatten sich die Bäume genauso gereckt und nach Anbruch der Dämmerung nach den Menschen gegriffen. Gut, dass es noch Stunden dauerte, bis es dunkel wurde.“

 

309„Was halten Sie von einem Ausflug zum Reinhardsberg in der Johannisnacht?“ Ben sah mich forschend an.
„Spukt es dort?“
„Nicht direkt“, erwiderte Ben lachend. „Wenn man davon absieht, dass ein Kobold über einen Schatz wacht, der nur in der Johannisnacht gehoben werden kann.“
„Und wir zwei sollen uns jetzt auf die Suche nach diesem Schatz machen?“
„Wäre doch ein echtes Highlight für Ihren Artikel.“
„Und sobald der veröffentlicht ist, könnte sich die Stadt kaum noch vor Geister- und Schatzjägern retten“, sagte ich lachend. „Was genau muss man tun, um an den Schatz zu kommen?“
„Man muss in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni den Berg besteigen. Dabei weist einem ein blaues Flämmchen den Weg zu einem Schlüssel. Der Weg soll an der Ostseite des Berges hinter einer eisernen Tür liegen, zu der auch der Schlüssel passt. Damit schließt man die Tür auf und findet schließlich das Gold. Aber man darf es noch nicht anfassen, sondern muss zunächst einen Gegenstand darauf werfen. So verlangt es die Sage. Dann verlässt man den Schatz wieder, ohne sich noch einmal umzudrehen.“
„Immer dasselbe“, warf ich ein, „mit dem Umdrehen haben bereits Orpheus und Lots Frau denkbar schlechte Erfahrungen gemacht.“
„Nach drei Tagen kommt man schließlich zurück und darf an der Stelle graben, an der man zuvor das Tor gesehen hat. Dort holt man dann den Schatz heraus“, beendete Ben seine Erzählung.
„Und das klappt?“, fragte ich schnell.

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Alle Zitate sind dem Roman Johannisnacht von Nora Gold entnommen.

Der Roman ist als Print-Ausgabe oder eBook bei Amazon erhältlich.

ÜBER PÄDAGOGISCH WERTVOLLES SPIELZEUG UND SEINE AUSWIRKUNGEN

Ein Gastbeitrag von Almut Bieder

Diesen Beitrag schreibe ich für meine Schwester Stephanie. Sie ist mir manchmal etwas fremd, weil wir arg verschieden sind, aber ich mag sie sehr, und als wir heute telefonierten, kamen wir – ich weiß nicht mehr, wie – auf ein Thema, das uns als Kinder sehr bewegte: Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke. Und die daraus resultierende Freude. Aber auch den bisweilen daraus resultierenden Frust. Denn auch das kam vor.

Irgendwie war es aber auch nicht selten etwas ungerecht: Stephanie wünschte sich lange Zeit nichts mehr als eine – aus heutiger Sicht – stilistisch recht fragwürdige Puppe, die weinen und in die Hose machen konnte, wenn man – mit einem echten Baby würde man niemals so umgehen! – ihren linken Arm mit Schmackes hinunterdrückte. Dann verzog das im Grunde recht hässliche Ding sein Gesicht, und Tränen, genauer: Wasser, das man zuvor mit einer zum hässlichen Puppenkind gehörigen Flasche in die Öffnung im Mund praktiziert hatte, strömte aus den Augen. Und das Puppenkind war darob so frustriert, dass ein Teil auch noch in der zugehörigen Windel landete. Das Ding hatte jahrelang auf Stephanies Wunschzettel gestanden, bis ich es dann geschenkt bekam. Dabei hatte ich es mir nicht halb so inbrünstig gewünscht. Damals konnte ich das noch nicht so recht sehen, heute tut es mir leid für Stephanie, denn diese Puppe war ja nicht das einzige Geschenk, das sich Stephanie vergeblich gewünscht hatte, während es dann irgendwann für mich auf dem Gabentisch lag.

Das geschah keineswegs durch meine Eltern – denen tat das auch leid. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte ich diese Puppe nicht bekommen, ebensowenig den Chemiekasten und so viele andere Dinge. Das kam von anderen Verwandten, und Stephanie stand dann immer traurig daneben. Fair war das nicht. Aber es gibt ja immer irgendwie einen Ausgleich im Leben, wenn’s auch nicht tröstet.

Meine Eltern gaben sich immer große Mühe mit den Geschenken, und meist trafen sie auch ins Schwarze. Meist. Denn bis heute weiß ich nicht, ob meine Mutter körperlich abwesend war, als mein Vater sich für das Einsteigerpaket „Meyertechnik“ erwärmte. Wohlgemerkt: Nicht für sich, denn er ist Diplom-Ingenieur, noch dazu Elektroingenieur, und ich werde den Eindruck nicht los, dass er auch gerne wollte, dass eine von uns eine Ingenieurwissenschaft studierte – später einmal. Da konnte man doch nicht früh genug ansetzen!

Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass meine Mutter beim Kauf dieses Geschenks nicht anwesend war oder mit rationalen Argumenten nicht gegen meinen Vater ankam. Ich erinnere mich noch an jenen Heiligabend – ich muss etwa drei Jahre alt gewesen sein, Stephanie sieben -, als auf meinem Platz des Gabentisches viele schöne Sachen lagen. Auf Stephanies Platz lagen auch diverse schöne Sachen. Und ein großer Karton, in Geschenkpapier gehüllt.

Solch große Kartons zu Weihnachten sind ja immer recht spannungsgeladen – was mögen sie wohl enthalten? Man ist gespannt, entfernt vorsichtig das Geschenkpapier – um dann etwas zu finden, das man sich schon immer gewünscht hat! So machte es auch Stephanie. Sie zog ganz vorsichtig und sorgfältig, wie es ihre Art ist und weil es ja die Spannung noch steigert, die Tesafilmstreifen ab, die das Geschenkpapier hielten. Doch – wo blieb der Jubel? Er fiel doch sehr, sehr dünn aus, als das „Meyertechnik“-Einsteigerpaket zum Vorschein kam. Aber Stephanie war schon immer ein sehr diplomatischer Mensch, anders als ich: Sie bedankte sich lieb, aber an ihrem Gesicht war zu sehen, dass sie sich über die oben erwähnte, hässliche Puppe oder Vergleichbares weit mehr gefreut hätte.

Ich hatte da immer mehr Glück. Ich bekam meist Stofftiere. Und Lego. Mit beiden Dingen spielte ich sehr gern. Und Lego ist auch ungemein praktisch: Man braucht einen Grundbestand, und dann kann man immer Erweiterungen dazukaufen. Und so freute ich mich immer sehr über Lego – und praktisch war’s obendrein.

Diesen unglaublichen Vorteil, den Lego mit sich bringt, hat jedoch auch „Meyertechnik“ zu verbuchen. Sehr praktisch. Zumindest für die Schenkenden. Nicht für meine arme Schwester, die in der Folgezeit zuverlässig „Meyertechnik“-Erweiterungen geschenkt bekam. Und während ich mit den bunten Legosteinen Häuser baute, Fenster und Türen einsetzte und alles ganz toll fand, saß sie mit den technikgrauen Bauteilen von „Meyertechnik“ da und konnte sich zum Erstaunen meines Vaters gar nicht so sehr damit anfreunden, gar dafür begeistern. Sie beschäftigte sich – so denke ich – wohl mehr aus Pflichtbewusstsein damit, weil sie meinen Vater nicht enttäuschen wollte. Obwohl so ein reizender, kleiner und batteriebetriebener Motor – ergo ein Elektromotor – dabei war! Ich kann mich daran erinnern, dass die Dinge, die dann tatsächlich damit gefertigt wurden, nicht nur unter Regie meines Vaters, sondern eigentlich ganz und gar von ihm gebaut wurden, während Stephanie und ich staunend danebenstanden!

Sogar eine kleine Seilbahn baute mein Vater, die von der Tür bis zum Fenstergriff unseres Kinderzimmers reichte! Der kleine Elektromotor, der als Antrieb fungierte, funktionierte prachtvoll und beförderte zahlreiche Puppen aus unserem Puppenhaus von der Tür bis zum Fenstergriff – und wieder zurück! Nur manchmal blieben die Gondeln mitten auf der gefährlichen Strecke stehen. Die Batterien waren so schnell leer … Und so mussten wir wiederholt einschreiten und als Rettungsmannschaft die armen Püppchen aus der Notlage befreien. Wahrscheinlich waren sie danach traumatisiert …

Irgendwie war „Meyertechnik“ nicht so der Brüller. Und heute gestand mir Stephanie am Telefon: „Das war gar nicht schön. Ich habe mich selten so doof und unfähig gefühlt, weil ich mit dem Bau dieser Sachen nicht klarkam.“ Ich konnte es ihr nachfühlen. Noch dazu, da sich dieses Gefühl ja in schöner Regelmäßigkeit an Geburtstag oder zu Weihnachten verstärkte … Mit jeder Erweiterungspackung.

Liebe Eltern, bitte achtet bei Geschenken für eure Kinder stets auf die Neigungen eurer Kinder. So manches pädagogisch wertvolle Spielzeug kann zum Bumerang werden und negative Gefühle beim Kind auslösen – schlimmstenfalls sogar das Gefühl eigener Unzulänglichkeit. Das sollte man vermeiden. Meine Schwester ist ein gutes Beispiel, die das Ganze heute jedoch sehr humorvoll betrachtet. Jedenfalls haben wir heute am Telefon beide sehr gelacht.

Für meine Schwester, die nicht nur unter mir leiden musste, sondern auch unter manchem Geschenk. Aber falls es Dich tröstet: Auch mich hat das Ganze gewissermaßen traumatisiert, denn ich fragte mich fortan immer, warum Du und nicht ich dieses Geschenk bekam. War ich per naturam zu blöd dazu? Du siehst: Probleme, wohin man nur schaut …

Eine Region mit Herz und Schönheit

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20160522_154119Es sind immer besondere Momente, wenn eine Geschichte zum Ende20160522_154131 kommt, ich sie meinen Testlesern anvertraue und wieder in mein eigenes Leben zurückkehre. Gerade ist es wieder so weit. Ein bisschen Wehmut verspüre ich schon. Schließlich waren die Personen im neuen Roman viele Monate meine Begleiter. Oder so beinahe. Auch der Ort, in dem sie ‚leben‘, ist mir vertraut geworden. Dieses Mal war es das kleine Weinstädtchen Radebeul bei Dresden. An vielen Wochenenden war ich hier zu Gast, habe mich bemüht Land und Leute kennenzulernen. Meine Geschichten erzählen immer auch über die Region, in der sie spielen. Heute heißt es Abschied nehmen.

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In der Romanhandlung geht es unter anderem um Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen oder ein Elternteil früh verloren haben. Und es geht um das Kinderhaus ‚Sternenzelt‘, das Kindern in sozialer und anderer Not Unterstützung und ein Stück Geborgenheit geben soll. Das ‚Sternenzelt‘ ist erfunden. Anregungen für dessen Konzept hat mir allerdings ein Haus im westfälischen Gelsenkirchen-Buer geliefert. Das Manus, die schützende Hand, die Fußballspieler Manuel Neuer dort ins Leben gerufen hat, untergebracht in einer alten Gelsenkirchener Villa aus dem 19. Jahrhundert, die um einen modernen Anbau erweitert wurde.

Mit der sozialpädagogischen Wohngruppe „Weinberghaus“ und dem „Integrativen Familienwohnen Radebeul“ der Kinderarche Sachsen e.V. gibt es auch in Radebeul großartige und teils einmalige Projekte für Kinder. Dennoch habe ich mich entschieden, in meiner Geschichte ein fiktives Projekt für Kinder in Not zu beschreiben. So war ich inhaltlich freier.

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Gestern durfte ich ein weiteres tolles Projekt dieser Region mit Herz, wie ich sie erlebt habe, kennenlernen. Als ich in einem Supermarkt zwischen Radebeul und Coswig noch ein paar Kleinigkeiten für meine heutige Reise kaufte, stieß ich dort auf einen Stand, an dem Speisen zum Probieren angeboten wurden. Zuerst dachte ich, es handele sich um eine Produktwerbung. Doch nein. Es waren arabische Köstlichkeiten, die ich dort gereicht bekam, zubereitet und angeboten von Menschen, in deren früherer Heimat, aus der sie durch Krieg vertrieben wurden, Gerichte wie Hummus bi Tahini (Kicherebsenpüree), Falafel oder Tabuleh (Petersiliensalat) zum Alltag gehörten. Es war ein schöner Moment hier in einem großen Kreis mit Menschen aus Radebeul, Syrien, Coswig oder Dresden zu stehen, miteinander ins Gespräch zu kommen und dabei all die köstlichen Speisen zu probieren. Veranstaltet wurde die Aktion von der Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“. Schade, dass ich von dieser besonderen Initiative erst einen Tag vor meiner Abreise erfahren habe. Aber ich werde bestimmt wiederkommen.

Vielfalt ist ein Schlagwort, das auch gut zu Radebeul passt. Was ich hier entdeckt habe, schildern – in einer Auswahl – die folgenden Textfragmente. Da es sich dabei um Vorabdrucke aus dem noch unveröffentlichten Roman Der Smaragdgarten handelt, sind sie in der Vergangenheitsform geschrieben:

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20160521_160001Der kleine Ort, malerisch zwischen Elbe und Weinbergen gelegen, war für seine alten Villen bekannt. Viele von ihnen waren gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden, die meisten wunderschön restauriert. Oft trugen sie Namen, meist von Frauen, aber auch von Regionen, die fern dieses Ortes lagen und Auskunft über die Herkunft ihrer einstigen Erbauer gaben. Mit ihren häufig farbigen Fassaden strahlten die Gebäude genau die Heiterkeit aus, die typisch für Regionen mit Weinbau war. Dazu trugen auch die riesigen Gärten bei, die die Häuser umgaben. 20160522_160539In vielen von ihnen standen Pavillons, dicht an der Grundstückgrenze und möglichst nahe zum Bürgersteig. Zur Entstehungszeit der Villen, einer Welt ohne Tablets, Smartphones und sogar ohne Telefone, hatten die Gartenpavillons der Kommunikation gedient. Gut bedacht konnten die Hausbesitzer so von ihrem Sitzplatz aus einen kleinen Schwatz mit flanierenden Nachbarn und Fremden halten. Heute waren die Pavillons ein Blickfang für die, die an ihnen vorübergingen.

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20160522_154248Der Hang war hier so steil, dass man über die hohe Steinmauer hinweg ins Elbtal schauen konnte, während zur anderen Seite der Blick auf das Spitzhaus oberhalb des Weinbergs frei war. Letzteres war ein barockes Gebäude mit großem, kupfernem Turm auf dem Haupthaus und zwei symmetrisch angeordneten kleinen Türmen auf den Seitenerkern. Das Spitzhaus galt als Wahrzeichen von Radebeul. August der Starke sollte hier zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts mit seiner Gräfin Cosel bereits rauschende Feste gefeiert haben – bevor der Bau durch Matthäus Daniel Pöppelmann Mitte desselben Jahrhunderts seine jetzige Gestalt erhielt. Heute gab es im Spitzhaus ein Restaurant, von dem aus man einen herrlich-weiten Blick über das Land hatte. Besonders schön war es dort bei Dunkelheit, wenn man auf das Lichtermeer von Dresden schauen konnte. 

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20160522_144054An den Nachmittagen machten wir ausgedehnte Spaziergänge durch die Umgebung von Radebeul oder an der Elbe entlang. Manchmal stiegen wir die Weinbergtreppe hinauf und nachdem wir schnaufend und keuchend oben angekommen waren, ging es weiter durch Wahnsdorf und vorbei an den Feldern, von wo aus man einen wunderbaren Blick auf die Türme von Schloss Moritzburg hatte. Dort, wo die Brücke-Maler von 1909 bis 1911 unbeschwerte Sommer verbracht hatten. (…) Ab und zu kehrten Marlene und ich in einer der Besenwirtschaften ein. Jede hatte ihren eigenen Charakter und ihre Besonderheit.

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Die Treppe lag nicht weit von Spitzhaus und Bismarckturm entfernt und zog sich vom Fuß des malerischen Weinguts Hoflößnitz bis auf den Bergkamm. Sie ging auf die Pläne desselben Architekten zurück, der auch dem Spitzhaus Mitte der 18. Jahrhunderts seine heutige Gestalt verliehen hatte. Die Radebeuler nannten sie Jahrestreppe. Doch anders als der Name vermuten ließ, hatte die Treppe ab dem Tor zum Weinberg Goldener Wagen nicht 365, sondern 394 Stufen. Einmal im Jahr war sie Austragungsort eines Treppenlaufs, bei dem sich Läuferinnen und Läufer im Wechsel einen vierundzwanzigstündigen Marathon lieferten.

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20160521_173125Der große, schwarzhaarige Mann sah weder nach rechts noch nach links. Mit schnellen Schritten eilte er durch den Radebeuler Stadtteil Kötzschenbroda. Einem aufmerksamen Beobachter wäre vermutlich aufgefallen, dass der Mann alles um sich herum im Blick hatte. Seine Bewegungen waren ruhig, und doch kam er deutlich schneller voran, als die Menschen um ihn herum. Zumeist waren dies Touristen, die den lauen Sommerabend nutzten, um ein wenig durch den am Elbufer gelegenen Teil von Radebeul zu schlendern. Immer wieder blieben sie stehen und betrachteten die Auslagen in den kleinen Geschäften. Diese bestanden 20160521_172830zumeist aus Kleidung, Schmuck und Kunstgewerblichem. Dinge, die sich gut zum pittoresken Gesamtbild der Straße fügten, mit der Allee mächtiger Bäume, die sich den gesamten Anger entlangzogen und durch dessen Mitte ein Fußweg führte. Dicht aneinandergereihte und malerisch herausgeputzte alte Häuschen zu beiden Seiten dieses Angers prägten architektonisch das Bild. Ebenso zierliche wie schmucke Neubauten sorgten dafür, dass zwischen den alten Häuschen keine Zahnlücken klafften. Manche Neubauten zeigten bewusst Modernität, was in einem spannenden und gelungenen Miteinander mit dem alten Fachwerk stand. Verbindendes Element zwischen Geschichte und Gegenwart waren die Weinranken, die hinter und neben den Häusern in Gärten und Hinterhöfen wuchsen, manchmal bis auf den Bürgersteig spitzten und den Gästen der zahlreichen Wein- und Biergärten als natürliche Überdachung dienten.

Baulicher und historischer Höhepunkt von 20160521_173715Kötzschenbroda war die Friedenskirche, ein neogotischer Bau mit weithin sichtbarem Turm am Ende der langen Straße, die sich vor der Kirche zu einem kleinen Platz öffnete. Neben einem Ort der Besinnung und der religiösen Einkehr beherbergte der Sakralbau auch einen alten Holztisch, der als Unterlage zur Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) gedient haben sollte. Dieser furchtbare Krieg hatte auch in Kötzschenbroda gewütet. Doch am 27. August 1645 und damit rund drei Jahre vor dem westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück, der das offizielle Ende dieses Krieges markierte, war es zwischen dem damaligen sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. und dem schwedischen General Lennart Torstensson im Pfarrhaus zum Waffenstillstand von Kötzschenbroda gekommen. Dieser hatte zumindest für Sachsen den Dreißigjährigen Krieg vorzeitig beendet.20160521_173458

Doch den Mann, der heute zum ersten Mal durch Kötzschenbroda schritt, interessierte nicht die bedeutsame Vergangenheit des kleinen Ortsteils. Die Hauptsstraße mit den auffallend schmalen Häusern, hinter denen sich zur Flussseite Obstwiesen und Elbauen erstreckten, erschien ihm wie eine Puppenstube. (…) Hinzu kam, dass er Probleme hatte, sich den Namen dieses Stadtteils zu merken. Vielleicht hätte es ihm ja ein Lächeln entlockt, hätte er gewusst, dass schon Theodor Fontane in seinen ‚Irrungen und Wirrungen‘ Kötzschenbroda als ‚Dresdener Vergnügungsort mit komischem Namen‘ bezeichnet hatte. Wahrscheinlich hätte den Mann aber auch das nicht interessiert, denn er war ganz und gar nicht zu seinem Vergnügen hier.

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20151205_134500Wir gelangten schließlich auf den Dreizehn-Brücken-Weg. Dies war ein schmaler Pfad, der durch ansteigendes und abfallendes Waldgebiet mäanderte und immer wieder von dem kleinen Bach unterbrochen wurde. Dieser Weg war mein persönliches Lieblingsstück im Waldgebiet von Radebeul. Er schlängelte sich durch eine scheinbar unberührte Natur, sah man von der Tatsache ab, dass der schmale Weg immer ordentlich begehbar und regelmäßig in Stand gesetzt wurde, wenn Winter und andere Wettereinflüsse Schäden angerichtet hatten. Den Namen Dreizehn-Brücken-Weg verdankte er den vielen Holzstegen, die über den immer wieder kreuzenden Bach gelegt waren und dafür sorgten, dass man trockenen Fußes weiterkam. Ob es genau dreizehn Stege waren, musste ich unbedingt einmal nachzählen. Besonders schön war der Dreizehn-Brücken-Weg im Herbst, wenn so viele Blätter auf dem Weg lagen, dass es bei jedem Schritt raschelte. Oder im Winter, wenn eine dicke Schneeschicht Bäume und Boden mit einer weißen Decke verzauberte und eine Stille verbreitete, als sei die Welt in eine dicke Watteschicht gehüllt.

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Schloss und Gartenanlage von Wackerbarth erschienen mir heute noch prächtiger als an gewöhnlichen Werktagen. Obwohl das kaum möglich war, denn trotz aller Perfektion des barocken Baustils und der Strenge der französischen Gartenkunst strahlte dieses Schloss zu jeder Zeit eine Beschwingtheit aus, als würde hier gerade ein rauschender Ball gefeiert. Das lag vermutlich an der gelungenen Verbindung der barocken Lebensfreude mit der Heiterkeit, die allen Weingegenden eigen war.
(…)
Unser Weg führte zunächst vorbei an der Produktionsanlage. Mit ihrer klaren Architektur und der Betonung des rechten Winkels bildete das riesige Gebäude einen reizvollen Kontrapunkt zum dahinter liegenden Schloss. Der Architekt hatte es außerdem verstanden, das moderne Gebäude so zu gestalten, dass es sich trotz seiner unübersehbaren Größe durch Bauform und verwendete Materialien dezent hinter der barocken Anlage zurücknahm.
(…)
20160521_171642Das Barockschloss Wackerbarth war Ende der Zwanzigerjahre des 18. Jahrhunderts von Matthias Daniel Pöppelmann erbaut worden und lag heute eingebettet in die Weinberge des Radebeuler Stadtteils Niederlößnitz. Die Schlossanlage stieg zur Weinbergseite zu einem achteckigen Belvedere an. Rechts und links der Mitteltreppe zwischen Schloss und Belvedere standen Eiben, die zu riesengroßen Kegeln geschnitten waren. Am oberen Teil der Treppe gab es zwei Sandsteinskulpturen, die noch aus der Erbauungszeit des Schlosses stammten. Eine Venus mit Amor und einen Bacchus mit Hund. Die Flächen rechts und links der Mitteltreppe waren terrassiert und mit kleinen, ebenfalls formgeschnittenen Eiben in strenger Symmetrie bepflanzt. Graue, geschmackvolle Eisentische und Stühle auf den Rasenflächen luden die Besucher ein, sich zu einem Glas Wein und einem Stück Kuchen niederzulassen.

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In diesem Moment hörte die Musik auf zu spielen und eine Dame im eleganten Kleid und mit kunstvoll errichteter Frisur erschien mit einem Mikrofon im Eingang des Schlosses. Das musste die Moderatorin Siggi Moor sein. Sie begrüßte alle Anwesenden charmant und gab einen kurzen Abriss zur langen Geschichte des Schlosses zum Besten. So war dieses im achtzehnten Jahrhundert von seinem damaligen Besitzer testamentarisch zur Versteigerung bestimmt worden, wobei der Erlös Dresdner Witwen und Waisen zugute kommen sollte. (…) Im neunzehnten Jahrhundert waren die Räume des Schlosses zu einer Erziehungsanstalt für Knaben geworden, zu deren Zöglingen auch die durch die gleichnamige Enzyklopädie bekannten Brüder Hermann und Heinrich Brockhaus gezählt haben. Später entstand hier eine Heilanstalt für psychisch kranke Menschen und nach weiteren Stationen und wechselnden Besitzern während des zweiten Weltkriegs ein Lazarett. Damit sei Wackerbarth während der letzten Jahrhunderte immer wieder zu einem Ort geworden, an dem und durch den Menschen geholfen wurde.

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Der Roman Der Smaragdgarten erscheint im Juli 2016.

Hier geht es zu meinen Beiträgen bei Focus-Online.

Blicke zurück …

… auf 2015 und erfreue dich an den kleinen und großen Dingen, die du gemeistert hast. Sei stolz auf dich!

Die ruhige, besinnliche Adventszeit hat begonnen – nimm dir einen Moment und denke an deine Wünsche und Träume. Wenn du ganz fest an sie glaubst und sie jeden Tag in dein Gedächtnis holst, wirst du deinen Wünschen näher kommen. Nur du allein hast dein Glück in der Hand.

Gedanken zum 3. Dezember von Dr. Maike Bellmann

Pias Reise Rand

Illustration: Elke Schnitzler
aus: Pias Reise ins Mittelalter (vergriffen) von Susanne Bieder

Die Reise zu meinem Grossvater

28. Juli 2015

Gleich beginnt sie also, die Reise zu meinem Großvater. Ich wollte sie unbedingt allein und mit dem Auto machen. Einmal quer durch Deutschland, Polen, Litauen, Lettland und schließlich Estland. So weit ist der Weg nach Tallinn. Warum diese Reise? Im Mai bekam ich drei Briefe meines Großvaters zu lesen. Sie sind an seine damals junge Frau, meine Oma, gerichtet, und verraten einiges über ihren Verfasser. Interessiert hat mich mein Großvater seit meiner Kindheit, und ich habe oft und lange das große Foto von ihm betrachtet, das im Wohnzimmer meiner Oma hing. Der Mann darauf ist deutlich jünger als ich es heute bin. Und nun werde ich nach Tallinn zu seinem Grab reisen, als Erste aus der Familie. Was ich von dieser Reise erwarte? Genau weiß ich es nicht, denn seine Grabstelle allein wird nichts über meinen Großvater verraten. Doch ich freue mich auf den Besuch dort und bin ziemlich aufgeregt. Und ausgesprochen froh, dass ich mich nun doch für die schnellere Variante des Reisens entschieden habe und gleich von Düsseldorf aus nach Riga fliegen werde. Von dort sind es noch immer genügend Kilometer, um mich meinem Ziel langsam zu nähern.

Meine Reise startet mit einem Abstecher an die Kurische Nehrung, die einer meiner Lieblingsschriftsteller, Eduard von Keyserling (1855-1918), so wunderbar beschrieben hat, und von der ich hoffe, dass sie fast hundert Jahre nach seinem Tod noch genauso schön ist. Dann folgt eine zweitägige Stippvisite in Vilnius, Litauens Hauptstadt, bevor es mit einem Zwischenstopp im Städtchen Sigulda ganz in den Norden von Estland geht, nach Tallinn. Das Buch ‘Der Tod von Reval’ und andere kuriose Geschichten aus einer alten Stadt von Werner Bergengruen (1892-1964) liegt wohlverpackt in meinem Koffer. Vielleicht hätte ich doch zu einem anderen Buchtitel greifen sollen, überlege ich kurz.

Ein paar Stunden später …

Der Flug nach Riga mit der baltischen Airline war angenehm und relativ kurz, nur gut zwei Stunden hat er gedauert. Der Blick auf die von Wasserstraßen und kleinen Seen durchsetzte Küste Lettlands während des Anflugs war eindrucksvoll und wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Warum bin ich nicht schon längst einmal hierhin gereist? Nach der Landung war es dann erst einmal vorbei mit der Beschaulichkeit, weil plötzlich alles sehr schnell ging. Mein Koffer kreiste bereits auf dem Band – keine Ahnung, wie viele Runden schon -, als wir mit dem Shuttlebus  am Flughafengebäude anlangten. Und der Taxifahrer raste mit mir los, als seien wir auf der Flucht. Kurz darauf stand ich vor meinem Hotel, dem Justus, mitten in den engen Gassen der Altstadt von Riga. Eine gute Wahl, wie ich sofort feststellte. Fast tut es mir leid, dass ich nur eine Nacht bleibe, denn das Hotel ist wunderschön mit Sichtmauerwerk – sogar in meinem Zimmer -, vielen alten Möbeln und Fotos aus den Zwanzigern. Gut, dass ich vor dem Rückflug eine weitere Nacht hier verbringen werde.

Mein erster Eindruck von Riga ist der einer ausgesprochen lebendigen und sehr jungen Stadt mit viel historischer Architektur. Die Straßen sind voller Menschen, die den warmen Sommerabend genießen. So lebendig stelle ich mir die französische Hauptstadt zu Beginn des letzten Jahrhunderts vor und es wundert mich nicht, dass Riga das Paris des Nordens genannt wird. Auch wenn ich solche Vergleiche eigentlich nicht mag, weil sie das Verglichene auf den zweiten Platz verweisen gegenüber dem Original. Und das hätte Riga eindeutig nicht verdient. Die Altstadt ist seit 1997 UNESCO-Weltkulturerbe. Gern hätte ich heute Abend noch mehr davon gesehen und wäre länger durch das berühmte Jugendstilviertel flaniert, doch ein plötzlicher und genauso heftiger Regen – auch der Regen ist hier unglaublich schnell – fegte mich in eins der vielen gemütlichen Restaurants, die in der Altstadt die Straßen säumen. Ich hatte ohnehin Hunger.

Morgen Vormittag geht es schon weiter an die Kurische Nehrung.

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Weiter Himmel, weites Land

29. Juli 2015

Die Fahrt von Riga nach Klaipeda war lang und sie führte einige hundert Kilometer über schnurgerade Straßen. Je weiter ich nach Süden kam, umso hügeliger wurde die zunächst flache, grüne Landschaft. Hinter Kelmé ging es dann Richtung Westen. Plötzlich kam die Sonne heraus und ließ schon im Vorfeld erahnen, wie schön es an der Küste sein muss. Klaipeda ist die drittgrößte litauische Stadt mit 184.000 Einwohnern und Litauens Tor zur Welt. Sie hat eine sehr wechselvolle Geschichte und galt 1808/09 als die provisorische Hauptstadt Preußens, nachdem Napoleon Berlin erobert hatte. Das alles ist sehr lange her. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat hier nun Eduard von Keyserling gelebt, gestern Abend habe ich noch seinen Roman “Wellen” gelesen. Es ist wunderbar, wie der Autor die Gesellschaftsregeln des damaligen Adels, dem er selbst angehörte, auf die Schippe nimmt. Leider scheitern seine Figuren meist, die der alten Ordnung zuwider handeln. Apropos alt: Hier im Euterpe findet heute Abend offenbar ein Oldtimer-Treffen statt – der hoteleigene Parkplatz ist voller wunderschöner englischer und deutscher Modelle aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Ich bin genau richtig.

Ein paar Stunden später …

Gerade habe ich noch eine große Runde durch das abendliche Klaipeda gedreht – nach einem Abendessen in einem Pavillon in der schönen Altstadt. Dort stand der Brunnen mit der Skulptur des Ännchens von Tharau von Simon Dach. Es lag sicher nicht nur am leichten Dämmerlicht, dass mir die kleinen Straßen und Gassen, die zwischen den wunderschön restaurierten alten Häusern hindurchführen, erschienen, als läge ein Zauber auf ihnen. Und bestimmt auch nicht an dem Glas Weißwein, das ich mir zum Essen genehmigt habe 🙂. Ein ganzes Stück bin ich noch am Ufer der Dane entlangspaziert, die ins Kurische Haff mündet. Dort lag auch das 1948 in Finnland gebaute Segelschulschiff Meridianas vor Anker.

Am nächsten Morgen …

Beim Frühstück traf ich auf die Oldtimerfans, eine Gruppe von fünf oder mehr Paaren. Ihrer Sprache nach zu urteilen, kommen sie ebenfalls aus Westfalen. Einen Moment beneidete ich sie um ihre Fahrt in den schönen alten Autos. Dann hörte ich zufällig, wie einer aus der Gruppe erzählte, dass er während des nächtlichen Gewitters mehrmals an seinem Auto war, um sich zu vergewissern, dass das Verdeck auch dicht halte, während ein anderer Oldtimerfahrer in die Runde fragte, wer denn nun mit ihm in die Werkstatt komme.

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Im Land der Störche

30. Juli 2015

Sie stehen sogar auf den schmalen Seitenstreifen der Autobahnen. Die Rede ist von den Störchen in Litauen. Fährt man über Land, sieht man sie alle paar Kilometer. Manchmal stehen sie am Rand der Fahrbahn, als würden sie über irgendetwas sinnieren, und manchmal segeln sie dicht über der Landschaft oder den fahrenden Autos. Die Straße scheint auf sie eine große Anziehungskraft auszuüben. Gut, dass der Verkehr auf den weiten Strecken hier so entspannt und ruhig rollt. Da könnte man den großen Vögeln zur Not rechtzeitig ausweichen. Ich hätte nie geglaubt, dass es so angenehm sein kann, langsam zu fahren. Doch wenn es alle tun … Auch ansonsten finde ich es ausgesprochen schön, Gast in diesem Land zu sein, und ich bedauere, dass ich Litauen dieses Mal nur im ‘Schnelldurchlauf’ kennenlerne. Da gibt es noch so viel zu entdecken. Neben den bekannten Landschaften und Sehenswürdigkeiten auch die kleineren Dinge am Rande. Wie den Berg der Kreuze bei Siauliai, ein neun Meter hoher Hügel mit unzähligen Kreuzen darauf, aufgestellt zum Gedenken der im Kampf Gefallenen und Ausdruck  eines ausgeprägten nationalen Unabhängigkeitswillens.

Jetzt kommt noch Vilnius, bevor es weiter geht auf meiner Reise nach Tallinn …

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Er träumte von einem Wolf

31. Juli 2015

Die Legende sagt, dass Großfürst Gediminas (1316-1341), als er im Gebiet des heutigen Vilnius war, von einem Wolf träumte, der besonders laut heulte. Und weil der Wolf für die Menschen damals Macht und Ruhm symbolisierte, riet der Traumdeuter dem Großfürsten, sich hier niederzulassen. Was immer Gediminas bewogen haben mag, an dieser Stelle zu siedeln, sei es die direkte Nähe zu den Flüssen Neris und Vilnia oder der Glaube an die Worte des Traumdeuters, er gründete die Stadt Vilnius und verlegte schon 1320 seinen eigenen Wohnsitz hierher. 1579 wurde die Universität gegründet, deren Studenten auch heute noch zum besonderen Charakter dieser jungen, alten Stadt beitragen. Doch von seiner Gründung bis zum heutigen Tage erlebte Vilnius eine sehr wechselvolle Geschichte, wurde mehrfach fast völlig zerstört, durchlitt Pest, Hunger und immer wieder Besetzung und stand doch jedes Mal wieder auf.

Seit Beginn der Neunzigerjahre wurde die Altstadt – geprägt durch ihre Barockarchitektur – wunderschön restauriert und gehört bereits seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Menschen und Architektur strahlen Lebendigkeit, Offenheit und Eleganz aus. Und Fröhlichkeit. So führte ein Vater mit seinen Kindern mitten in einer Einkaufsstraße ein Tänzchen auf, eine halbe Stunde später zog eine Gruppe Hare-Krishna-Anhänger singend und ebenfalls tanzend an mir vorbei. Ihr Umfeld nahm es gelassen hin, nur ein paar Touristen – darunter auch ich – schauten den Singenden interessiert hinterher. Kurz gesagt, es macht Freude, in Vilnius zu sein. Und wann immer ich Hilfe brauche, bekomme ich sie, freundlich, schnell und unkompliziert. Nur ein Beispiel: Ich hatte in einer Herrenboutique nach dem Weg zu meinem Hotel gefragt. (Dieses liegt versteckt in einer mittelalterlichen Gasse, die mit dem Auto nur schwierig zu erreichen ist.) Der junge Mann bot mir an, die Karte mit dem markierten Weg zum Hotel auszudrucken. Dafür musste er jedoch seinen Laden verlassen – in dem sich Kunden befanden -, um im Büro seinen Laptop an den Drucker anschließen zu können. Für ihn eine Selbstverständlichkeit.

Die Stadt bietet eine unglaubliche Vielfalt an schönen Cafés, die nicht nur die Touristen rege nutzen. Besonders gefallen mir die einfachen Coffee Inns, weil sie häufig gepaart mit Buchläden daherkommen. Natürlich hat heute jeder größere Buchladen ein Café im Hause, doch hier nehmen beide Bereiche gleich viel Raum ein und sind ein guter Treff für Studenten und Touris wie mich. Nachdem ich die Stadt heute Vormittag erst einmal zu Fuß erkundet habe – Gediminashügel mit Burg, Kathedrale und Tor der Morgenröte inklusive – entschloss ich mich mittags spontan zu einer Stadtrundfahrt mit dem Bus. Eine gute Entscheidung, denn ich stellte fest, dass ich alle Sehenswürdigkeiten bereits von meiner Anreise am Tag zuvor kannte, diese bei meiner Suche nach dem Hotel sogar mehrfach umrundet hatte, sie jedoch nicht hätte benennen können. Dieses Defizit wurde im Laufe der City Guide Tour beglichen. Nach der Busfahrt entschied ich mich zu einem Besuch im ‘Museum für die Opfer des Genozids’. Das große graue Gebäude aus dem 19. Jahrhundert steht auf dem Gedimino-Prospekt, der Prachtstraße von Vilnius, die mit jedem Machthaber ihren Namen hatte wechseln müssen. In dem Gebäude hatte sich während der deutschen Besatzung die Gestapo niedergelassen, anschließend war der sowjetische Geheimdienst eingezogen. Im Keller sind 22 ehemalige Gefängniszellen zu besichtigen – ein zutiefst bedrückender Ort. Ich war lange dort unten und der anschließende Wechsel in die Fröhlichkeit dieser lebendigen Stadt ist mir nicht leicht gefallen.

Zum Abschluss noch ein Tipp in Sachen Übernachtung: Durch Zufall bin ich im Shakespeare Boutique Hotel in einer der ältesten Straßen von Vilnius gelandet. Erst nach der Buchung bemerkte ich, dass mein Reiseführer das Hotel als Top-Tipp ausweist. Dem kann ich nur zustimmen: Mein Zimmer ist im romantisch-englischen Landhausstil eingerichtet, die Zimmer sind nicht nummeriert, sondern nach berühmten englischen Schriftstellern benannt, überall befinden sich Sitzgruppen mit bequemen Sesseln und gefrühstückt wird – nach persönlicher Bestellung – in einer im englischen Adelsstil ausgestatteten Bibliothek. Traumhaft. Und nein, das Hotel gehört nicht zu den teuersten der Stadt.

Morgen geht es weiter nach Sigulda in der Nähe von Riga. Ich freue mich auf die weitere Reise, doch ich verlasse Litauen nicht gern. Dieses Land und seine Menschen habe ich in den vergangenen drei Tagen in mein Herz geschlossen.

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Rosen von Lettland

  1. August 2015

Wieder ein langer Tag auf der Straße. Mittags dann ein Zwischenstopp am Barockschloss Rundale bei Bauska, errichtet 1735-40 und für Barockliebhaber ein absolutes Muss. Ich war mehr als zwei Stunden dort, denn außer dem prachtvollen Innenleben weist dieses Schloss noch eine riesige Gartenanlage im französischen Stil auf mit langen Bogengängen, Brunnen, Pavillons und einem grünen Theater, in dem verschachtelte Hecken die Kulissen bilden. Zehn Hektar groß ist der rekonstruierte Barockgartenteil der Schlossanlage. Im vorderen Teil ist ein prächtiger Rosengarten, während dahinter die unterschiedlich gestalteten Gartenzimmer liegen. Für ein noch tieferes Eintauchen ins Barockzeitalter können sich kleine und große Mädchen am Gartentor Rokokogewänder ausleihen. Leider fehlte mir zu solchem Lustwandeln die Zeit, denn meine Fahrt ging anschließend noch weiter nach Sigulda, einem 12.000-Einwohner-Ort im größten Naturschutzgebiet des Baltikums, dem Gauja-Nationalpark. Einen Eindruck davon habe ich schon während der Fahrt bekommen. Die Landschaft bekam mit wachsender Entfernung zu Vilnius einen eher skandinavischen Charakter. Der spiegelt sich auch in meinem heutigen Hotel wider, dem Aparjods, das aus mehreren reet- und schiefergedeckten Holzhäusern in einer schönen Gartenanlage besteht. (Unglaublich, dass die Nacht hier unter 40 Euro kostet.) Eins der Holzhäuser ist das Restaurant, innen liebevoll ausgestattet mit einer Sammlung schöner alter Stühle und einem gemütlichen Kamin. Ein Ort zum Wohlfühlen. Obwohl es hier eher einsam ist, war dieses Restaurant so gut besucht, dass ich eine halbe Stunde an der Bar warten musste, bis ich endlich einen freien Tisch bekam. Leider musste ich dann allein essen. Gestern Abend habe ich in Vilnius im Restaurant zwei Neuseeländer kennengelernt, mit denen das Essen deutlich kurzweiliger war.

Eigentlich habe ich mir Sigulda nur ausgesucht, weil der Ort auf halber Strecke zwischen Vilnius und Tallinn liegt – die gesamte Strecke wäre mir zu lang für eine Tagestour gewesen – doch dann stieß ich auf eine Geschichte, die sich 1620 hier wirklich zugetragen haben soll, und mein Interesse an einer näheren, wenn auch nur kurzen Erkundung war geweckt. Es ist die Geschichte der Rose von Turaida:

Das Mädchen Maija wächst in der Burg von Turaida auf, die ganz in der Nähe von Sigulda liegt. Weil Maija sehr schön ist, wird sie die Rose von Turaida genannt. Ihre Schönheit lockt viele Männer an, doch die Rose von Turaida liebt den Gärtner Viktor, der ihre Liebe erwidert. Die beiden treffen sich regelmäßig in der Gutmannshöhle, in der Nähe der Burg. Als der Offizier Jakubovski dem Mädchen einen Heiratsantrag macht, wird er von Maija zurückgewiesen. Daraufhin lockt der Offizier sie durch eine Lüge in die Gutmannshöhle und bedrängt sie dort. Maija versucht sich zu retten, indem sie dem Mann ihr Halstuch anbietet, denn dieses mache seinen Träger unverwundbar. Zum Beweis hält sie ihm ihren Hals mit dem Tuch hin und bittet den Offizier, die Wahrheit ihrer Worte zu prüfen. Der Mann zieht sein Schwert und köpft Maija. Unklar ist, ob Maija wirklich an die Zauberkraft des Halstuchs glaubte, oder ihre Ehre retten wollte. Der Verdacht des Mordes fällt zunächst auf Viktor, doch schließlich kann die Unschuld des Gärtners bewiesen werden. Der wirkliche Mörder wird mit dem Tode bestraft. Viktor begräbt seine Geliebte bei der Burg Turaida und pflanzt auf ihr Grab eine Linde. Zu diesem Baum – oder seinem Nachfolger – pilgern bis heute Liebes- und Brautpaare. Apropos Brautpaare, heute habe ich mindestens zehn gesehen. Mal schauen, wie viele morgen um die Linde stehen.

Nach meinem Besuch auf der Burg von Turaida fahre ich auf der Via Baltica entlang der Rigaer Bucht weiter nach Norden. Zum Ziel meiner Reise.

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‚In the North‘

2. August 2015

Der Nationalpark Gauja hat mich heute Vormittag drei Stunden lang festgehalten. Natürlich war ich bei der Gutmannshöhle, deren Namensgeber ein Einsiedler ist, der im Mittelalter mit dem kühlen Quellwasser aus der Höhle Menschen geheilt haben soll. Und ich war beim Skulpturenpark und der Burg von Turaida. Alle diese Sehenswürdigkeiten sind touristisch ausgesprochen gut erschlossen, was der einmalig schönen Natur um den Fluss Gauja etwas von ihrer Wildheit nimmt. Doch jenseits dieser Sehenswürdigkeiten ist sofort wieder Natur pur. Und keine Reisegruppe. Eineinhalb Stunden bin ich fast allein an der Gauja entlang gewandert – ein Erlebnis der besonderen Art.

Hätte ich gewusst, dass die Fahrt nach Tallinn über eine Entfernung von rund 300 Kilometern ausschließlich über eine zweispurige Straße mit vielen Baustellen, Radfahrern und sogar Fußgängern führt, hätte ich meine Vormittags-Wanderung sicher abgekürzt. Bisher war ich nur die entspannten, vierspurigen Überlandstraßen des Baltikums gewöhnt. Doch die Landschaft aus unendlich scheinenden Wäldern rechts und links der Straße sowie den gigantischen Wolkengemälden am Himmel war natürlich traumhaft schön. Und sie vermittelte trotz der langen Wartezeiten vor den Baustellenampeln ein Gefühl von Freiheit. (Zurück nach Riga werde ich dennoch über Tartu fahren, auch, wenn dies ein deutlicher Umweg ist.) Nachdem ich die Grenze von Estland überquert hatte, hörten die Baustellen schlagartig auf. Was jedoch blieb, waren die vielen Blitzkisten neben der Fahrbahn, die typisch für alle drei baltischen Staaten sind. ‘Automaatkontroll’ heißt das hier in Estland. Den Kameras zur Seite steht alle paar Kilometer die ‘Politsei’, deren Beamten einem zielsicher die Laserpistole entgegen halten. Ich glaube, ich bin nicht ‘getroffen’ worden. Die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen beträgt in Estland 90 Stundenkilometer. Am Ende einer Kleinstadt entschied ich mich zu einem Tankstopp. Ich fuhr die Zapfsäule an, steckte den Zapfhahn in den Tank und drückte wie gewohnt den Hebel. Nichts tat sich. Ich drückte erneut – wieder nichts. Ich hängte den Zapfhahn zurück und versuchte es noch einmal – vielleicht klemmte irgendein Mechanismus. Doch es tat sich noch immer nichts. Weitere drei erfolglose Versuche später betrat ich entnervt den Verkaufsraum der Tankstelle und wurde von zwei grinsenden Gesichtern begrüßt. “I want to refuel, but it doesn’t work!”, rief ich ihnen ungehalten entgegen. “We know. You have to pay first, then you can fill your tank”, erwiderte die junge Frau hinter der Theke ausgesprochen amüsiert. Nachdem ich ihr energisch erwidert hatte, dass ich nicht wüsste, wie viel das Tankauffüllen koste, meinte sie noch immer grinsend: “Okay, you can fill your tank first and pay afterwards.” Offenbar sah ich ausreichend vertrauenswürdig aus.

Das Finden meines Hotels in Tallinn war erstaunlich einfach. Ich habe für drei Nächte ein Zimmer in einer bekannten Hotelkette gebucht. Mein Glück ist, dass diese Kette ihre Häuser gern in die Höhe baut. Darum gehört mein Hotel zu einem der modernen, hohen Türme von Tallinn. Und ganz oben steht weithin sichtbar der Name des Hotels. Es war das erste Mal, dass mich der Anblick dieser Architektur wirklich erfreut hat.

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Hitze, Meer und Viel Vergangenheit

4. August 2015

Es ist heiß im Baltikum. Seit zwei Tagen ist der Sommer da. Tallinns Altstadt ist Mittelalter pur, insgesamt eine traumhaft schöne Stadt und mein absoluter Favorit unter den baltischen Hauptstädten. Die drei Tage hier sind viel zu schnell vergangen, es gibt noch so viel jenseits der üblichen Touristenpfade zu entdecken. Zum Beispiel die sehr aktive Künstlerszene. Jeden Abend habe ich an einem der Orte in der Stadt verbracht, von denen aus man einen schönen Blick auf das meist spiegelglatte Meer hat. Und überall in den Gassen gibt es ‚Suveniirid‘: aus baltischem Bernstein, Leder, Wolle oder Leinen. Meist konnte ich widerstehen, aber nicht immer. Mein Gepäck wird immer schwerer. Dafür fühle ich selbst mich leichter, seit ich hier bin.

Von meinem Hotelfenster aus – im 10. Stock – kann ich das Meer sehen. Und den Ort, an dem mein Großvater beerdigt liegt. Ich kann kaum glauben, dass ich in diesem riesigen Turm ausgerechnet ein Zimmer bekommen habe, dass zwischen den anderen hohen Türmen dieses Stadtteils die schmale Sicht auf die Kriegsgräberstätte freigibt. Als bräuchte es noch eines Beweises, dass diese Reise richtig ist. Gestern war ich nun endlich dort, in Reval-Marienberg oder Tallinn-Maarjamäe, wie es heute in der Landessprache heißt. Ich war seltsam aufgeregt, als ich mit meinem Blumenstrauß in der Hand neben dem Taxifahrer saß. Die Fahrt führte immer am Meer entlang und endete auf einem erhöht liegenden riesigen Areal. Der Taxifahrer deutete auf den Teil der Gedenkstätte, auf dem die deutschen Soldaten beerdigt liegen. Ich nahm dennoch zunächst den Weg über den russischen Teil des Friedhofs, vorbei an Gedenktafeln in kyrillischer Sprache, bis ich schließlich vor dem 5,5 Meter hohen Hochkreuz stand, davor 24 liegende Tafeln mit den alphabetisch sortierten Namen, Geburts- und Sterbedaten von insgesamt 2.156 deutschen Soldaten. Der Name meines Großvaters steht in der Mitte der zweiten Tafel, sein Nachname beginnt mit einem B. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat dieses Gräberfeld gestaltet und 1998 eingeweiht. Leider konnten die Einzelgräber nicht mehr rekonstruiert werden, da der Friedhof nach dem Krieg eingeebnet worden war. Doch die Gräberfelder konnten ausfindig gemacht werden und sind nun durch Kreuzgruppen kenntlich. Baumgruppen nehmen dem Ort die Strenge. Nördlich in diesen Friedhof ragt der sowjetische Maarjamäe-Memorialkomplex. Beide Teile der Anlage bilden eine Einheit. Es ist ein friedlicher, schöner und sehr lebendiger Ort. Man kann von dort auf das Meer und die vorbeifahrenden Schiffe sehen. In direkter Nachbarschaft befinden sich Wohnhäuser mit Gärten.

Während ich bei den Gedenktafeln saß, kamen Spaziergänger, Radfahrer und Jogger vorbei. Und eine Mutter mit drei kleinen Kindern. Das älteste Mädchen fuhr mit seinem Roller vor die Tafeln, hielt direkt vor der mit dem Namen meines Großvaters und schaute verwundert auf den Blumenstrauß. Und da fiel mir plötzlich ein, dass mein Großvater in seinem vorletzten Brief geschrieben hat, wie sehr er sich freue, seine kleine Tochter auf dem Roller zu schieben. Beim nächsten Wiedersehen. Und dass er mit Sorge und Spannung der Geburt seines zweiten Kindes entgegensehe. „Möge uns alles Gute zur Seite stehen …“. Und: „Ich freue mich ja so auf ein Wiedersehen!“ Sein letzter erhaltener Brief ist vom 30. Oktober 1943. Am 4. November wurde mein Großvater morgens bei einem Angriff auf See schwer verwundet und verstarb noch am selben Tag in einem finnischen Krankenhaus. Die Berichte, ob er noch einmal zu Bewusstsein kam und die am selben Tag eingetroffene Nachricht von der Geburt seines Sohnes wahrnehmen konnte, widersprechen sich. Mein Großvater wurde auf den Tag genau 30 Jahre alt.

Mein Hotel liegt in der Nähe des ehemaligen Armenhauses des heiligen Johannes, seit 1237 eine besondere Einrichtung, die im Mittelalter nicht nur den Armen der Stadt Hilfe bot, sondern auch verschiedene andere Funktionen erfüllte. (Die hohen, glänzenden Türme unserer Tage sind jedoch sehr weit von einem Armenhaus entfernt.) Dass der Gründer dieser frühen sozialen Einrichtung Johannes hieß, freut mich besonders, denn Johannes war auch der Vorname meines Großvaters. Dazu gibt es in Tallinn noch einen Wehrturm mit Namen ‚Margareeta‘. Margareta ist der Name meiner Großmutter. Natürlich sind mit dieser alten Hansestadt viele weitere Namen verknüpft, dennoch schön, dass Johannes und Margareta darunter sind.

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Ein Hauch von „Good Bye Lenin“

5. August 2015

Ich bin wieder in der Millionenmetropole Riga. Der Weg zurück ging wie geplant über Tartu, die zweitgrößte Stadt Estlands mit einer bekannten Universität. Jenseits der Großstadt konnte ich noch einmal die Weite der Landschaft und die schönen Wälder genießen.

Dank ‚hop on – hop off‘ bei den Sightseeing-Touren konnte ich an meinem letzten Tag gestern in Tallinn einen weiteren Besuch am Friedhof bei meinem Großvater mit einem Abstecher zum Maarjamäe-Schloss verbinden. Beides liegt in direkter Nachbarschaft zueinander. Dort wird eine Ausstellung zur Geschichte Estlands gezeigt, die richtig schön sein soll. Als ich das Schloss betreten wollte, war die Tür jedoch verschlossen. Ein kleines Schild daneben informierte, dass die Ausstellung nur an zwei Tagen der Woche zu besichtigen sei. Schade, dass mein Reiseführer diese Info nicht hatte. Eine russische Familie war nach mir ebenfalls vergeblich auf die Schlosstür zugeeilt, und entschied sich schließlich, direkt zur Kriegsgräberstätte zu gehen.

Doch ich entdeckte neben dem Schloss ein kleines, offenes Tor. Kurzentschlossen schritt ich hindurch – die letzten Tage allein auf Reisen haben mich mutiger gemacht – und folgte einem kleinen, sehr privaten Pfad. Keine Ahnung, was ich dort suchte, vielleicht einen schönen Schlossgarten, aber ganz bestimmt nicht das, was ich dann vorfand. Als ich nämlich hinter das Gebäude sehen konnte, verschlug es mir regelrecht die Sprache: Hier lag eine ganze Sammlung überlebensgroßer Skulpturen aus Metall und Stein. Ein Soldat trug seinen Helm in der Hand und blickte auf seine Beine, die vor seinem Oberkörper standen. Die Skulptur war in der Mitte getrennt worden und nun standen beide Körperhälften nebeneinander. Riesige, selbstbewusst dreinblickende Metall- oder Steinköpfe standen oder lagen losgelöst von ihrem Körper herum, während Büsche und Gräser neben ihnen hervorsprießten. Die Szenerie hatte wirklich etwas Unheimliches und Surreales.

Am meisten erschrak ich jedoch, als ich einen Mann aus Fleisch und Blut ebenfalls am Boden liegen sah. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte ich die Profi-Fotoausrüstung neben ihm. Er war gerade dabei, die Skulpturen ‚Auge in Auge‘ abzulichten. Als er mich sah, sprach er mich in der Landessprache an. Als er mein Englisch hörte, passte er sich sprachlich an und fragte, ob ich bemerkt habe, dass die Figuren allesamt Personen der sowjetischen Vergangenheit darstellten und im neorealistischen Stil gestaltet seien. Die Skulpturen seien nach 1991 von ihren ursprünglichen Plätzen entfernt worden und würden nun hier ‚gelagert‘. Unglaubliche Perspektiven für einen Fotografen, meinte er und knipste begeistert weiter. Dann fragte er mich, woher ich komme und ich erzählte ihm ein wenig. Mein Großvater liege nebenan begraben, schloss ich und er erwiderte: „And here lies Stalin.“ Und dann begab er sich wieder in die liegende Position, um der besagten Skulptur mit dem Fotoapparat zu begegnen. Situationskomik pur.

Bei der Kriegsgräberstätte begegnete ich noch einmal der russischen Familie. Gemeinsam saßen wir vor den Gräbern und blickten auf das Meer hinaus, bis schließlich der Bus kam und uns wieder mitnahm.

Dies ist der letzte Beitrag der Reise zu meinem Großvater, doch ich werde bestimmt wiederkommen ins Baltikum! Ich bedanke mich sehr herzlich bei allen, die über diesen Blog meine Reise verfolgt haben. Darüber habe ich mich sehr gefreut – ganz besonders über die lieben Kommentare! Ich wollte diese Reise unbedingt allein machen, doch irgendwie ward ihr auf diese Weise immer dabei und ich habe mich zu keinem Zeitpunkt einsam gefühlt. Herzlichen Dank dafür!