Und über uns schwebt Wilhelmine

„Was bedeutet dieser Titel?“, wurde ich von einigen Freunden gefragt, nachdem ich meinen jüngsten Roman veröffentlicht hatte.

Im Herbst befand ich mich gerade in der Nähe von Dresden, als über mir ein Heißluftballon mit einem wunderschönen Frauenporträt schwebte und mir schoss der Gedanke durch den Kopf: ‚Über mir schwebt Wilhelmine.‘ Denn nur wenige Wochen vor diesem Erlebnis war ich von einer Bekannten, die aus dieser Region kommt, auf die erste Ballonfahrerin Deutschlands, Wilhelmine Reichard (1788 – 1848), aufmerksam gemacht worden. Seitdem hatte ich mit dem Gedanken gespielt, diese wagemutige und spannende Frau in einen meiner Romane aufzunehmen. Doch es wäre wahrscheinlich bei der Idee geblieben, wäre nicht an diesem Tag ein Ballon mit Wilhelmines Porträt genau über mir vorbeigeflogen. Als wollte sie mich anstupsen, endlich loszuschreiben. Und so ist schließlich diese kleine Geschichte entstanden. Wilhelmine kommt darin zwar nur am Rande, als Thema eines Bilderzyklus‘ vor. Doch die Leserin und der Leser erfahren dennoch in kurzen Rückblenden ihre Lebensgeschichte und erleben mit, wie Wilhelmine an einem stürmischen Septembertag im Jahre 1811 aus fast 8000 Metern Höhe in der Nähe von Dresden mit ihrem Ballon abstürzte.

Im Vordergrund der Erzählung steht jedoch eine Liebesgeschichte aus unseren Tagen, nämlich die der Mina Krull, einer bekannten Dresdner Galeristin mit einem sicheren Gespür für ein lukratives Geschäft. Beruflicher Erfolg bedeutet ihr alles. Nur ihre Freundin Felizia ahnt, dass Mina ein Geheimnis bewahrt, das aus der begeisterungsfähigen Studentin eine kühl kalkulierende Karrierefrau gemacht hat, die ihre Ideale von einst verrät. Bis Mina eines Tages auf dem Dresdener Striezelmarkt dem obdachlosen Wojtek begegnet und ihr bisheriges, scheinbar so geordnetes Leben ins Wanken gerät.

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Manchmal klappt’s doch

Schlossgarten von Wackerbarth 2

Als ich noch klein war, las uns meine Mutter abends oft etwas vor. Unter anderem aus einem Kinderbuch, das schon seit Generationen in der Familie weitervererbt wurde. Die Geschichte spielte zu Beginn des letzten Jahrhunderts und handelte von einem kleinen Mädchen, das seine eigenen Vorstellungen von der Welt hatte und den Anweisungen der Erwachsenen öfter mal zuwider handelte. Anders gesagt, es hatte viel mehr Mut als ich. Und es hatte eine Oma Dresden. Als ich dann lesen lernte und mit meinen Eltern zu meiner Oma Bamberg fuhr, vertrieb ich mir die fünf Stunden Fahrtzeit mit dem Entziffern der Wörter auf den Autobahnschildern. Auf einem stand „Dresden“. Sofort dachte ich an meine Kinderbuchheldin und deren Oma. Ich fragte meine Eltern, ob wir auch mal nach Dresden fahren könnten, und erfuhr so die Sache mit der Mauer. Sie beschäftigte mich nachhaltig. Von da an wünschte ich mir jedes Mal, wenn wir wieder an diesem Schild vorbeifuhren, dass wir doch einfach mal dort abbiegen würden. Und noch heute denke ich jedes Mal daran, wenn ich von meinen Eltern kommend von der A 7 an diesem Schild (oder seinem Nachfolger) den Blinker setze und abbiege. Heute wohne ich in der Nähe von Dresden.

Trotzdem sollte man beim Wünschen eine gewisse Vorsicht walten lassen: Als Studentin wünschte ich mir immer eines dieser großen Autos einer bestimmten Marke. Die hatten damals Kultstatus. Vorausgesetzt, sie waren uralt, ziemlich verbeult und in einer ungewöhnlichen Farbe lackiert. Rosa oder lila. Oder so. Natürlich hatte ich kein solches Auto. Und irgendwann vergaß ich meinen Wunsch auch wieder. Bis ich dann viele – nein, sehr viele – Jahre später mit genau solch einem Auto durch Leipzig fuhr. Mindestens zwanzig Jahre alt (das Auto), nur noch wenig Lack auf dem Blech, mit abgerissenen Zierleisten und (kein Scherz) einem Knoten in der Antenne. Als mir auffiel, dass sich nun mein Wunsch erfüllt hatte, musste ich erst einmal anhalten, weil ich einen Lachkrampf bekam. Das Auto gehörte übrigens meinem damaligen Freund und heutigen Mann, der sich einen Spaß daraus machte, die Schrottkarre auf dem Uniklinik-Parkplatz direkt neben den schicken Karossen seiner Kollegen zu parken.

Die dritte Geschichte, die mir passiert ist, hat selbst mich Verstandesmenschen (muss ja nicht nur mein eigener sein) ein wenig nachdenklich gemacht: Es gab einmal eine sehr nahe Freundin in meinem Leben. Wir hingen sprichwörtlich zusammen wie Pech und Schwefel und nichts schien uns trennen zu können. Wir sind auch viel zusammen gereist, mit ihr habe ich beispielsweise ‚mein‘ Schottland entdeckt. Doch dann geschah etwas, was manchmal im Leben passiert, ohne, dass man es wirklich versteht oder verhindert. Jedenfalls hatten wir anschließend viele, viele Jahre keinerlei Kontakt mehr zueinander. Natürlich gab es neue Freunde und neue Reisen und sie sind alle wichtig für mich und Teil meines Lebens geworden. Doch wie gern wollte ich wieder dieser einen Freundin nahe sein, mit ihr reden, lachen. Und reisen. Die meisten Geschichten verlaufen sicher anders. Doch manchmal hält das Leben tatsächlich eine zweite Chance bereit. Nächste Woche fliegen diese Freundin und ich zusammen in den Urlaub. Mehr als doppelt so alt wie beim letzten Mal und (hoffentlich) ein bisschen klüger.

Ich würde nicht darauf bauen, aber manchmal funktioniert die Sache mit dem Wünschen eben doch. Und dann braucht’s nur noch ordentlich Geduld 😉

Eine Geschichte voller Magie und Geheimnisse der Vergangenheit

Der Smaragdgarten – ein Sommerroman von Nora Gold

— eine alte Villa, ein düsteres Geheimnis und eine große Liebe —

Smaragdgarten_oBEin nächtlicher Anruf ihrer Freundin lässt Hannah aufhorchen: Etwas stimmt nicht mit der so disziplinierten Marlene. Hannah macht sich auf den Weg in den kleinen Weinort bei Dresden, wo Marlene seit Kurzem lebt, und findet ihre Freundin in einem erschreckenden Zustand vor. Nach anfänglichem Zögern berichtet Marlene schließlich, dass sie von etwas Unbekanntem bedroht wird. Doch auch Hannahs geordnete Welt, zu der eine feste Beziehung mit einem Mediziner gehört, gerät durch Marlenes undurchsichtigen Nachbarn Jonas vollkommen aus dem Gleichgewicht. Welche Rolle spielt jedoch der mittellose Künstler, der in einer alten Villa lebt, die ein düsteres Geheimnis birgt? Ebenso der stille Junge David, der auffallend oft Marlenes Nähe sucht? Und was ist eigentlich mit Peer, Marlenes Ehemann? Während Hannah immer stärker in Jonas‘ Bann gerät, fühlt sich Marlene zunehmend von anonymen Botschaften verfolgt. Bei einer Feier kommt es schließlich zur Katastrophe. Und plötzlich geht es um viel mehr, als um Antworten auf all die ungelösten Fragen.

Wie üblich mit einer Prise Magie…

Als eBook und Print bei Amazon erhältlich.

Eine Region mit Herz und Schönheit

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20160522_154119Es sind immer besondere Momente, wenn eine Geschichte zum Ende20160522_154131 kommt, ich sie meinen Testlesern anvertraue und wieder in mein eigenes Leben zurückkehre. Gerade ist es wieder so weit. Ein bisschen Wehmut verspüre ich schon. Schließlich waren die Personen im neuen Roman viele Monate meine Begleiter. Oder so beinahe. Auch der Ort, in dem sie ‚leben‘, ist mir vertraut geworden. Dieses Mal war es das kleine Weinstädtchen Radebeul bei Dresden. An vielen Wochenenden war ich hier zu Gast, habe mich bemüht Land und Leute kennenzulernen. Meine Geschichten erzählen immer auch über die Region, in der sie spielen. Heute heißt es Abschied nehmen.

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In der Romanhandlung geht es unter anderem um Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen oder ein Elternteil früh verloren haben. Und es geht um das Kinderhaus ‚Sternenzelt‘, das Kindern in sozialer und anderer Not Unterstützung und ein Stück Geborgenheit geben soll. Das ‚Sternenzelt‘ ist erfunden. Anregungen für dessen Konzept hat mir allerdings ein Haus im westfälischen Gelsenkirchen-Buer geliefert. Das Manus, die schützende Hand, die Fußballspieler Manuel Neuer dort ins Leben gerufen hat, untergebracht in einer alten Gelsenkirchener Villa aus dem 19. Jahrhundert, die um einen modernen Anbau erweitert wurde.

Mit der sozialpädagogischen Wohngruppe „Weinberghaus“ und dem „Integrativen Familienwohnen Radebeul“ der Kinderarche Sachsen e.V. gibt es auch in Radebeul großartige und teils einmalige Projekte für Kinder. Dennoch habe ich mich entschieden, in meiner Geschichte ein fiktives Projekt für Kinder in Not zu beschreiben. So war ich inhaltlich freier.

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Gestern durfte ich ein weiteres tolles Projekt dieser Region mit Herz, wie ich sie erlebt habe, kennenlernen. Als ich in einem Supermarkt zwischen Radebeul und Coswig noch ein paar Kleinigkeiten für meine heutige Reise kaufte, stieß ich dort auf einen Stand, an dem Speisen zum Probieren angeboten wurden. Zuerst dachte ich, es handele sich um eine Produktwerbung. Doch nein. Es waren arabische Köstlichkeiten, die ich dort gereicht bekam, zubereitet und angeboten von Menschen, in deren früherer Heimat, aus der sie durch Krieg vertrieben wurden, Gerichte wie Hummus bi Tahini (Kicherebsenpüree), Falafel oder Tabuleh (Petersiliensalat) zum Alltag gehörten. Es war ein schöner Moment hier in einem großen Kreis mit Menschen aus Radebeul, Syrien, Coswig oder Dresden zu stehen, miteinander ins Gespräch zu kommen und dabei all die köstlichen Speisen zu probieren. Veranstaltet wurde die Aktion von der Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“. Schade, dass ich von dieser besonderen Initiative erst einen Tag vor meiner Abreise erfahren habe. Aber ich werde bestimmt wiederkommen.

Vielfalt ist ein Schlagwort, das auch gut zu Radebeul passt. Was ich hier entdeckt habe, schildern – in einer Auswahl – die folgenden Textfragmente. Da es sich dabei um Vorabdrucke aus dem noch unveröffentlichten Roman Der Smaragdgarten handelt, sind sie in der Vergangenheitsform geschrieben:

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20160521_160001Der kleine Ort, malerisch zwischen Elbe und Weinbergen gelegen, war für seine alten Villen bekannt. Viele von ihnen waren gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden, die meisten wunderschön restauriert. Oft trugen sie Namen, meist von Frauen, aber auch von Regionen, die fern dieses Ortes lagen und Auskunft über die Herkunft ihrer einstigen Erbauer gaben. Mit ihren häufig farbigen Fassaden strahlten die Gebäude genau die Heiterkeit aus, die typisch für Regionen mit Weinbau war. Dazu trugen auch die riesigen Gärten bei, die die Häuser umgaben. 20160522_160539In vielen von ihnen standen Pavillons, dicht an der Grundstückgrenze und möglichst nahe zum Bürgersteig. Zur Entstehungszeit der Villen, einer Welt ohne Tablets, Smartphones und sogar ohne Telefone, hatten die Gartenpavillons der Kommunikation gedient. Gut bedacht konnten die Hausbesitzer so von ihrem Sitzplatz aus einen kleinen Schwatz mit flanierenden Nachbarn und Fremden halten. Heute waren die Pavillons ein Blickfang für die, die an ihnen vorübergingen.

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20160522_154248Der Hang war hier so steil, dass man über die hohe Steinmauer hinweg ins Elbtal schauen konnte, während zur anderen Seite der Blick auf das Spitzhaus oberhalb des Weinbergs frei war. Letzteres war ein barockes Gebäude mit großem, kupfernem Turm auf dem Haupthaus und zwei symmetrisch angeordneten kleinen Türmen auf den Seitenerkern. Das Spitzhaus galt als Wahrzeichen von Radebeul. August der Starke sollte hier zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts mit seiner Gräfin Cosel bereits rauschende Feste gefeiert haben – bevor der Bau durch Matthäus Daniel Pöppelmann Mitte desselben Jahrhunderts seine jetzige Gestalt erhielt. Heute gab es im Spitzhaus ein Restaurant, von dem aus man einen herrlich-weiten Blick über das Land hatte. Besonders schön war es dort bei Dunkelheit, wenn man auf das Lichtermeer von Dresden schauen konnte. 

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20160522_144054An den Nachmittagen machten wir ausgedehnte Spaziergänge durch die Umgebung von Radebeul oder an der Elbe entlang. Manchmal stiegen wir die Weinbergtreppe hinauf und nachdem wir schnaufend und keuchend oben angekommen waren, ging es weiter durch Wahnsdorf und vorbei an den Feldern, von wo aus man einen wunderbaren Blick auf die Türme von Schloss Moritzburg hatte. Dort, wo die Brücke-Maler von 1909 bis 1911 unbeschwerte Sommer verbracht hatten. (…) Ab und zu kehrten Marlene und ich in einer der Besenwirtschaften ein. Jede hatte ihren eigenen Charakter und ihre Besonderheit.

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Die Treppe lag nicht weit von Spitzhaus und Bismarckturm entfernt und zog sich vom Fuß des malerischen Weinguts Hoflößnitz bis auf den Bergkamm. Sie ging auf die Pläne desselben Architekten zurück, der auch dem Spitzhaus Mitte der 18. Jahrhunderts seine heutige Gestalt verliehen hatte. Die Radebeuler nannten sie Jahrestreppe. Doch anders als der Name vermuten ließ, hatte die Treppe ab dem Tor zum Weinberg Goldener Wagen nicht 365, sondern 394 Stufen. Einmal im Jahr war sie Austragungsort eines Treppenlaufs, bei dem sich Läuferinnen und Läufer im Wechsel einen vierundzwanzigstündigen Marathon lieferten.

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20160521_173125Der große, schwarzhaarige Mann sah weder nach rechts noch nach links. Mit schnellen Schritten eilte er durch den Radebeuler Stadtteil Kötzschenbroda. Einem aufmerksamen Beobachter wäre vermutlich aufgefallen, dass der Mann alles um sich herum im Blick hatte. Seine Bewegungen waren ruhig, und doch kam er deutlich schneller voran, als die Menschen um ihn herum. Zumeist waren dies Touristen, die den lauen Sommerabend nutzten, um ein wenig durch den am Elbufer gelegenen Teil von Radebeul zu schlendern. Immer wieder blieben sie stehen und betrachteten die Auslagen in den kleinen Geschäften. Diese bestanden 20160521_172830zumeist aus Kleidung, Schmuck und Kunstgewerblichem. Dinge, die sich gut zum pittoresken Gesamtbild der Straße fügten, mit der Allee mächtiger Bäume, die sich den gesamten Anger entlangzogen und durch dessen Mitte ein Fußweg führte. Dicht aneinandergereihte und malerisch herausgeputzte alte Häuschen zu beiden Seiten dieses Angers prägten architektonisch das Bild. Ebenso zierliche wie schmucke Neubauten sorgten dafür, dass zwischen den alten Häuschen keine Zahnlücken klafften. Manche Neubauten zeigten bewusst Modernität, was in einem spannenden und gelungenen Miteinander mit dem alten Fachwerk stand. Verbindendes Element zwischen Geschichte und Gegenwart waren die Weinranken, die hinter und neben den Häusern in Gärten und Hinterhöfen wuchsen, manchmal bis auf den Bürgersteig spitzten und den Gästen der zahlreichen Wein- und Biergärten als natürliche Überdachung dienten.

Baulicher und historischer Höhepunkt von 20160521_173715Kötzschenbroda war die Friedenskirche, ein neogotischer Bau mit weithin sichtbarem Turm am Ende der langen Straße, die sich vor der Kirche zu einem kleinen Platz öffnete. Neben einem Ort der Besinnung und der religiösen Einkehr beherbergte der Sakralbau auch einen alten Holztisch, der als Unterlage zur Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) gedient haben sollte. Dieser furchtbare Krieg hatte auch in Kötzschenbroda gewütet. Doch am 27. August 1645 und damit rund drei Jahre vor dem westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück, der das offizielle Ende dieses Krieges markierte, war es zwischen dem damaligen sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. und dem schwedischen General Lennart Torstensson im Pfarrhaus zum Waffenstillstand von Kötzschenbroda gekommen. Dieser hatte zumindest für Sachsen den Dreißigjährigen Krieg vorzeitig beendet.20160521_173458

Doch den Mann, der heute zum ersten Mal durch Kötzschenbroda schritt, interessierte nicht die bedeutsame Vergangenheit des kleinen Ortsteils. Die Hauptsstraße mit den auffallend schmalen Häusern, hinter denen sich zur Flussseite Obstwiesen und Elbauen erstreckten, erschien ihm wie eine Puppenstube. (…) Hinzu kam, dass er Probleme hatte, sich den Namen dieses Stadtteils zu merken. Vielleicht hätte es ihm ja ein Lächeln entlockt, hätte er gewusst, dass schon Theodor Fontane in seinen ‚Irrungen und Wirrungen‘ Kötzschenbroda als ‚Dresdener Vergnügungsort mit komischem Namen‘ bezeichnet hatte. Wahrscheinlich hätte den Mann aber auch das nicht interessiert, denn er war ganz und gar nicht zu seinem Vergnügen hier.

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20151205_134500Wir gelangten schließlich auf den Dreizehn-Brücken-Weg. Dies war ein schmaler Pfad, der durch ansteigendes und abfallendes Waldgebiet mäanderte und immer wieder von dem kleinen Bach unterbrochen wurde. Dieser Weg war mein persönliches Lieblingsstück im Waldgebiet von Radebeul. Er schlängelte sich durch eine scheinbar unberührte Natur, sah man von der Tatsache ab, dass der schmale Weg immer ordentlich begehbar und regelmäßig in Stand gesetzt wurde, wenn Winter und andere Wettereinflüsse Schäden angerichtet hatten. Den Namen Dreizehn-Brücken-Weg verdankte er den vielen Holzstegen, die über den immer wieder kreuzenden Bach gelegt waren und dafür sorgten, dass man trockenen Fußes weiterkam. Ob es genau dreizehn Stege waren, musste ich unbedingt einmal nachzählen. Besonders schön war der Dreizehn-Brücken-Weg im Herbst, wenn so viele Blätter auf dem Weg lagen, dass es bei jedem Schritt raschelte. Oder im Winter, wenn eine dicke Schneeschicht Bäume und Boden mit einer weißen Decke verzauberte und eine Stille verbreitete, als sei die Welt in eine dicke Watteschicht gehüllt.

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Schloss und Gartenanlage von Wackerbarth erschienen mir heute noch prächtiger als an gewöhnlichen Werktagen. Obwohl das kaum möglich war, denn trotz aller Perfektion des barocken Baustils und der Strenge der französischen Gartenkunst strahlte dieses Schloss zu jeder Zeit eine Beschwingtheit aus, als würde hier gerade ein rauschender Ball gefeiert. Das lag vermutlich an der gelungenen Verbindung der barocken Lebensfreude mit der Heiterkeit, die allen Weingegenden eigen war.
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Unser Weg führte zunächst vorbei an der Produktionsanlage. Mit ihrer klaren Architektur und der Betonung des rechten Winkels bildete das riesige Gebäude einen reizvollen Kontrapunkt zum dahinter liegenden Schloss. Der Architekt hatte es außerdem verstanden, das moderne Gebäude so zu gestalten, dass es sich trotz seiner unübersehbaren Größe durch Bauform und verwendete Materialien dezent hinter der barocken Anlage zurücknahm.
(…)
20160521_171642Das Barockschloss Wackerbarth war Ende der Zwanzigerjahre des 18. Jahrhunderts von Matthias Daniel Pöppelmann erbaut worden und lag heute eingebettet in die Weinberge des Radebeuler Stadtteils Niederlößnitz. Die Schlossanlage stieg zur Weinbergseite zu einem achteckigen Belvedere an. Rechts und links der Mitteltreppe zwischen Schloss und Belvedere standen Eiben, die zu riesengroßen Kegeln geschnitten waren. Am oberen Teil der Treppe gab es zwei Sandsteinskulpturen, die noch aus der Erbauungszeit des Schlosses stammten. Eine Venus mit Amor und einen Bacchus mit Hund. Die Flächen rechts und links der Mitteltreppe waren terrassiert und mit kleinen, ebenfalls formgeschnittenen Eiben in strenger Symmetrie bepflanzt. Graue, geschmackvolle Eisentische und Stühle auf den Rasenflächen luden die Besucher ein, sich zu einem Glas Wein und einem Stück Kuchen niederzulassen.

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In diesem Moment hörte die Musik auf zu spielen und eine Dame im eleganten Kleid und mit kunstvoll errichteter Frisur erschien mit einem Mikrofon im Eingang des Schlosses. Das musste die Moderatorin Siggi Moor sein. Sie begrüßte alle Anwesenden charmant und gab einen kurzen Abriss zur langen Geschichte des Schlosses zum Besten. So war dieses im achtzehnten Jahrhundert von seinem damaligen Besitzer testamentarisch zur Versteigerung bestimmt worden, wobei der Erlös Dresdner Witwen und Waisen zugute kommen sollte. (…) Im neunzehnten Jahrhundert waren die Räume des Schlosses zu einer Erziehungsanstalt für Knaben geworden, zu deren Zöglingen auch die durch die gleichnamige Enzyklopädie bekannten Brüder Hermann und Heinrich Brockhaus gezählt haben. Später entstand hier eine Heilanstalt für psychisch kranke Menschen und nach weiteren Stationen und wechselnden Besitzern während des zweiten Weltkriegs ein Lazarett. Damit sei Wackerbarth während der letzten Jahrhunderte immer wieder zu einem Ort geworden, an dem und durch den Menschen geholfen wurde.

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Der Roman Der Smaragdgarten erscheint im Juli 2016.

Hier geht es zu meinen Beiträgen bei Focus-Online.

Ein besonderes Haus in Berlin

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Dieser Beitrag wurde auch bei Focus-Online veröffentlicht.

Es ist ein Muss. Seit ich vor Jahren zum ersten Mal im Berliner Brücke-Museum war, zieht mich das inmitten von Kiefern und Birken ein wenig versteckt in einer Dahlemer Wohnsiedlung gelegene Haus magisch an. Durch seine betont rechtwinklige Architektur mit den vielen Ein- und Durchblicken auf die umgebende Natur ist das Haus selbst schon etwas Besonderes. Für die expressionistische Brücke-Kunst bildet es den perfekten Rahmen.

Das Museum hat seit seinem Bestehen nicht nur die größte Sammlung an Brücke-Kunst zusammengetragen, wie die Museums-Webseite anschaulich beschreibt, das Haus besitzt – mit der Karl und Emy Schmidt-Rottluff-Stiftung – auch mehr als 2000 Werke von Schmidt-Rottluff. Dieser hat 1905 in Dresden gemeinsam mit drei anderen Architekturstudenten die Künstlervereinigung Brücke gegründet. Neben Karl Schmidt-Rottluff waren das Ernst Ludwig Kircher, Erich Heckel und Fritz Bleyl. Fernab der akademischen Pfade wollten sie gemeinsam neue künstlerische Wege gehen und prägten so den Expressionismus entscheidend mit. Ihnen schlossen sich weitere Künstler wie Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Mueller an.

Von Dresden nach Berlin

Drei Sommer lang, von 1909 bis 1911, malten Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel an den Moritzburger Teichen vor den Toren Dresdens, schufen Landschaften und Akte in leuchtenden Farbkontrasten und reduzierten Formen, verzichteten auf traditionelle Proportionen und Perspektiven. Ich kenne die Landschaft, in der sie malten. Die besondere Atmosphäre, die Kirchner und Co. vor mehr als hundert Jahren dort empfunden haben müssen, erspürt man noch heute. Als würde diese Landschaft mit dem eigenen Innenleben in einen Dialog treten. 1911 endeten jedoch die sommerlichen Ausflüge nach Moritzburg und etwas Neues begann, als die Künstler nach Berlin zogen. In der Metropole, im Flair der Weltstadt, erhofften und fanden sie ein aufgeschlossenes Publikum und Anschluss an die internationale Avantgarde.

Viele Selbstporträts  

An seinem 80. Geburtstag soll Karl Schmidt-Rottluff den Vorschlag für den Bau des Brücke-Museums in Berlin gemacht haben. Das war im Jahr 1964. 1967 wurde das Museum in Dahlem eröffnet. Die aktuelle Ausstellung Karl Schmidt-Rottluff. Bild und Selbstbild zeigt einen Teil der 70 Selbstporträts des Künstlers. Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafik. Die präsentierten Werke sind während eines Zeitraums von mehr als sechs Jahrzehnten entstanden und führen dem Besucher anhand desselben Motivs die künstlerischen Entwicklungen des Malers vor Augen. Dies ist möglich, weil Schmidt-Rottluff während seines langen Lebens ungewöhnlich viele Selbstporträts geschaffen hat. Umso auffallender ist, dass der Künstler während des Nationalsozialismus nur ein einziges Porträt von sich gemalt hat. Stattdessen schuf Schmidt-Rottluff während dieser Jahre, in denen er verfemt mit Berufsverbot belegt war und sein Werk als sogenannte „Entartete Kunst“ galt, verstärkt Bilder, die enge und beklemmende Innenräume darstellen.

Mit dabei wichtige Wegbegleiter

Die aktuelle Ausstellung des Bücke-Museums zeigt neben den Selbstporträts des Künstlers auch Bildnisse von Menschen, die in Schmidt-Rottluffs Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. Wie seine Frau Emy. Ihr Porträt hat der Künstler immer wieder in verschiedener Ausdrucksform und Technik festghalten. Auch dies dokumentiert die Ausstellung sehr eindrucksvoll anhand zahlreicher Porträts von Emy, die während vieler Jahrzehnte entstanden sind. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir außerdem zwei Porträts der Kunsthistorikerin Rosa Schapire, die als passives Mitglied der Künstlervereinigung Brücke bis zu deren Auflösung 1913 angehört hatte. Ebenfalls mit Selbstbildnissen vertreten sind Karl Schmidt-Rottluffs Weggefährten Erich Heckel, Otto Mueller, Emil Nolde oder Ernst Ludwig Kirchner.

Die Ausstellung läuft bis zum 26. Juni 2016

Wieder einmal bin ich die Runde im weißen Atriumbau entgegengesetzt zur Ausstellungs-Chronologie gegangen und habe mir die jüngsten Bilder zuerst angesehen. Eine etwas andere, für mich sehr spannende Perspektive, die die künstlerische Entwicklung auf den Kopf zu stellen scheint. In diesem Fall sind die jüngsten Bilder Werke von Karl Schmidt-Rottluff aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Die ältesten sind vor 1910 entstanden. Besonders erwähnen möchte ich auch das Bild Blockadestillleben von 1948, eins der wenigen Werke dieser Ausstellung, das keine Menschen zeigt. Die Anordnung der dargestellten Alltagsgegenstände und die Farben erzeugen eine beklemmende Atmosphäre beim Betrachter. So war zumindest mein Empfinden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. Juni 2016. Sehens- und erlebenswert.

Tipp zur Anreise

Mit dem Bus kommt man bis kurz vor das Museum (Anfahrt-Infos auf der Museumsseite, s.u.). Wer jedoch Lust auf einen Spaziergang durch das Dahlemer Villenviertel hat und einen Überblick über die Architekturstile aus dem (überwiegend) letzten Jahrhundert bekommen möchte, kann in der U-Bahn-Linie 3 zur Podbielski-Allee fahren und dort den Schildern zum Brücke-Museum folgen. Der Fußweg ist gut zwei Kilometer lang.

Brücke Museum Berlin
Bussardsteig 9
14195 Berlin
www.bruecke-museum.de