Rosslyn Chapel – ein Ort mit Magie und Geschichte(n)

Rosslyn Chapel

Nur wenige Meilen von Edinburgh entfernt liegt Rosslyn Chapel. Um die kleine gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert ranken sich unzählige Geschichten und Spekulationen. Hollywood hat noch einige hinzugefügt und die Besucherzahlen damit auf über 130.000 pro Jahr anwachsen lassen. Rosslyn Chapel erträgt das alles mit Engelsgeduld. Oder mit der vielfach beschworenen Magie. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was mich erwartet. Auf dem Weg dorthin komme ich erst einmal durch das Örtchen Roslin, das sich kurz nach Baubeginn von Rosslyn Chapel durch die vielen Handwerker gebildet hat, die am Erstehen des vielleicht ungewöhnlichsten Sakralbaus beteiligt waren.

40 Jahre dauerten die Arbeiten an der Kirche an. Begonnen haben sie im Jahr 1446, nachdem der letzte Orkney-Prinz, Sir William St. Clair, den Bau geplant und begründet hatte. Als vier Jahrzehnte später die Arbeiten mit dem Tode St. Clairs unterbrochen wurden, umfasste Rosslyn Chapel erst ein Drittel der Größe, die sein Gründer ursprünglich vorgesehen hatte. Denn der später entdeckte eigentliche Grundriss entspricht laut Expertenmeinung dem Herodianischen Tempel in Jerusalem.

Bevor ich ins geheimnisumwobene Kirchengebäude gelange, muss ich erst einmal durch ein modernes Besucherzentrum gehen und ein Ticket kaufen. Doch dann ist es schließlich so weit. Ich stehe in der Kirche und bin augenblicklich überwältigt von der einzigartigen Fülle an Steinmetzkunst.

Ein mittelalterlicher Comic

20160803_073552Auf 21 Metern Länge und fast 13 Metern Höhe scheint fast jeder Quadratzentimeter von unterschiedlichsten Motiven überzogen zu sein. Engel, Pflanzen, biblische Szenen und überall Ornamentik. Ich weiß nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Was diese Steinmetzkunst neben ihrer ungewöhnlichen Menge und Vielfalt so besonders macht, ist die Qualität der Arbeiten. Keine Frage, hier haben die besten Steinbildhauer ihrer Zeit ein bis heute einzigartiges Gesamtkunstwerk geschaffen. Dieses setzt biblische Szenen ins Bild oder zeigt Symbole mit mehreren Bedeutungsebenen. So wurden Geschichten und Botschaften für alle Menschen ‚lesbar‘ gemacht. Denn nur wenige konnten zur Entstehungszeit dieser Kirche die in Latein verfasste Bibel verstehen.

Im Südschiff stoße ich auf einen Fries, der die sieben Todsünden verbildlicht. Nach der Bibel sind dies: Stolz, Völlerei, Habgier, Zorn, Neid, Faulheit und Wollust. Diesen gegenüber stehen die sieben Werke der Barmherzigkeit, die heißen: Bedürftigen helfen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Mildtätigkeit üben, Hungrige speisen und Tote bestatten. Ein Kirchenführer, der lebhaft und anschaulich meine Fragen beantwortet, erklärt, dass die Habgier, als eine der Todsünden, und die Mildtätigkeit, als ein Werk der Barmherzigkeit, auf den Friesen vertauscht worden seien. So stehe das Positive zwischen den Sünden und umgekehrt. Mir kommt der Gedanke, dass kleine Fehler und Ungereimtheiten einer Sache bisweilen noch mehr Spannung verleihen. Darüber lässt sich sicher streiten. Doch dieser Ort hält weitere Überraschungen für seine Besucher bereit.

Auffallend sind nämlich die vielen Bezüge zu den Tempelrittern, die in der ganzen Kirche zu finden sind. So ist das Gralskreuz gleich mehrfach abgebildet. Mal wird es von einem Engel gehalten, ein anderes Mal ist es in einem Schlussstein im Kirchenraum an der Decke zu sehen. Eine bedeutende Rolle sollen auch die Freimaurer gespielt haben. Einige der Steinmetzarbeiten geben sogar Einblicke in ihre geheimen Riten.

Von Tempelrittern und Gralssuchern 

20160803_074104Um Rosslyn Chapel spinnen sich unzählige Mythen, Legenden und Geschichten. Vor allem die Krypta, der älteste Teil der Kirche und über eine Treppe neben der Marienkapelle zu erreichen, weckt bis heute das Interesse von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen, aber auch von esoterisch Inspirierten und Verschwörungstheoretikern. Spekulationen zufolge sollen sich in der Krypta nämlich die Schriftrollen aus Salomons Tempel oder der Kopf von Johannes dem Täufer befinden. Ein anderes Gerücht vermutet die schottischen Kronjuwelen an diesem Ort, während wieder andere Stimmen die Krypta gar als Aufbewahrungsort der Bundeslade wähnen.

20160803_074023Eine Geschichte geht mir dann doch ‚unter die Haut‘. In der Marienkapelle stoße ich auf zwei prachtvoll verzierte Säulen. Die linke Säule soll, so die Erzählung, vom Steinmetzmeister der Rosslyn Chapel geschaffen worden sein. Sie ist wunderschön, jedoch viel schlichter als die zweite Säule. Diese prunkvolle, mit sich nach20160803_074048 oben windenden Ornamentbändern, soll der Lehrling – inspiriert durch einen Traum – in Abwesenheit des Meisters in den Stein gehauen haben. Der Meister war nach Rom gereist, um den Plan dieser Säule zu besorgen. Bei seiner Rückkehr fand er die bereits fertige Säule des Lehrlings in der Kirche vor. Aus Eifersucht auf seinen begabten Schüler bekam der Meister einen Wutanfall und erschlug den Lehrling noch vor der Säule. Dafür wurde der Meister mit dem Tode bestraft. Im westlichen Teil der Kapelle blicken nun die steinernen Köpfe des Lehrlings und seiner Mutter auf die Säule. Doch auch der Kopf des Mörders ist dort im Stein verewigt und dazu verurteilt auf das Werk seines Schülers zu schauen. Diese Geschichte soll der Hiramslegende der Feimaurer ähneln, manche Theorien vermuten sie sogar als Ursprung der Legende um den Architekten Salomons, Hiram Abif. Eine besondere Bedeutung erhält die Säule des Lehrlings noch durch acht Drachen im unteren Teil. Gemäß der nordischen Mythologie befinden sich genau acht Drachen an den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil.

Green Man und mehr Natur

20160803_073903Eine wichtige Bedeutung kommt auch den Naturdarstellungen zu. Das keltische Fruchtbarkeitssymbol, der Green Man – ein männliches Blattgesicht -, findet sich in Rosslyn Chapel in mehr als hundert Varianten. Dabei sprießen Stängel und Blätter meist auch aus dem Mund der heidnischen Symbolfigur, was verschiedene Deutungen zulässt. Zum einen versinnbildlicht dies die bereits erwähnte Fruchtbarkeit. Genauso könnte man daraus entnehmen, dass die Worte des Green Man und alles, was von ihm ausgeht, im Einklang mit der Natur stehen.

Doch auch sonst wächst und blüht es üppig in der Kirche – wenn auch nur in steinerner Pracht. Die Decke ist in fünf verschiedene Bereiche unterteilt und zeigt in jeweils einem davon Gänseblümchen, Lilien, Rosen oder Sterne. Aber auch Pflanzen wie Farne, Eichenblätter, Aloe Vera oder Kohl sind im Stein nachgebildet.

Und beim Thema Natur wartet schon wieder ein Geheimnis auf den neugierigen Besucher: Die Darstellungen von Maiskolben im Südschiff entlang eines Fensterbogens werfen nämlich die berechtigte Frage auf, wie schottische Steinmetze schon Mitte des 15. Jahrhunderts Kenntnis von einer Pflanze haben konnten, die erst 1492 durch Christoph Kolumbus in Europa bekannt wurde. Der Legende nach soll der Großvater des Kirchengründers, Sir Henry St. Clair, bereits 1398 – und damit fast hundert Jahre vor Kolumbus – mit einer Gruppe Ritter Nordamerika erreicht und die Pflanze mitgebracht haben.

Hollywood war auch schon da

All diese ungelösten Geheimnisse locken seit Jahrhunderten Menschen zur Rosslyn Chapel. Dass sich die Zahl der Besucher heute auf einem Höchststand befindet, liegt auch daran, dass sich Hollywood vor einigen Jahren der Kapelle angenommen hat. Doch der Reihe nach. Im Jahr 2001 besuchte der US-amerikanische Romanautor Dan Brown die kleine gotische Kirche und wurde zu seinem Roman The Da Vinci Code (Sakrileg) angeregt. Die Geschichte wurde ein Weltbestseller und im Jahr 2006 mit Tom Hanks und Audrey Tatou in die Kinos gebracht. Darin geht es um einen Geheimbund, der das Geheimnis des Heiligen Grals hütet. Die Schlussszene des Films spielt in der Krypta von Rosslyn Chapel.

Und ’ne schwarze Katze

Dann wird es unerwartet auch für mich ein bisschen magisch. Während ich noch auf einer der alten Kirchenbänke sitze und immer Neues an Decken und Wänden entdecke, hat sich unbemerkt eine schwarze Katze angeschlichen und es sich neben mir auf der Bank gemütlich gemacht. Mein Erstaunen über den ungewöhnlichen Kirchenbesucher muss überdeutlich in meinem Gesicht abzulesen gewesen sein. Denn eine der freundlichen Kirchenführerinnen kommt sofort lachend auf mich zu und erzählt, dass die schwarze Katze seit zwölf Jahren täglicher Gast in der Kirche sei und meist den ganzen Tag über bleibe. Seine Besitzer, Anwohner aus der Nachbarschaft, würden ‚ihre‘ Katze nun regelmäßig in der Kirche besuchen. Gegen ausführliche Streicheleinheiten von mir hatte die Katze nichts einzuwenden.

Viele Rätsel um Rosslyn Chapel bleiben vermutlich ungelöst und ebenso viele Antworten umstritten. Eines ist aber sicher: Rosslyn Chapel hat bis heute nichts von ihrer Ausstrahlung und ihrem besonderen Zauber verloren. Mich hat diese Kirche jedenfalls in ihren Bann gezogen und steht nun bei jedem Schottland-Besuch auf meinem Programm. Bis heute ist Rosslyn Chapel übrigens in der Hand der Familie ihres einstigen Gründers, nun verwaltet vom Rosslyn Chapel Trust.

Und hier geht’s zur offiziellen Homepage von Rosslyn Chapel

It’s Tea Time

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Der erste Morgen in Schottland! Entgegen meiner üblichen Trödelei bin ich schon um neun Uhr auf der Straße. Eigentlich habe ich einen Plan für den heutigen Tag, doch den verwerfe ich kurzerhand und fahre hinter Peebles einfach der Nase nach über die sich schlängelnden Straßen durch eine traumhaft schöne Landschaft.20160710_165018 Ich gebe zu, jetzt wäre ich lieber Beifahrerin und bräuchte nicht ständig auf die Straßen zu schauen. Waren die sonst auch schon so schmal? Egal, ich muss sie nehmen, wie sie sind.

Nur wenige Meilen weiter südlich von Peebles entdecke ich eine kleine Ruine auf einer grünen Anhöhe. Zwar kann das Gemäuer nicht mit dem Eilean Donan Castle in den westlichen schottischen Highlands mithalten und hat sicher noch nie als Filmkulisse gedient, aber auch diese kleine Ruine ist Romantik pur. Ich beschließe, auf dem Nachhauseweg hier zu halten und zu den alten Mauern hinaufzusteigen. Doch erst einmal setze ich meine Fahrt fort. Nach ein paar weiteren Meilen wage ich einen Abstecher auf eine noch schmalere Straße, die nach Innerleithen führt. Die Hügel sehen auf dieser Seite besonders malerisch aus. Schließlich muss ich den Linksverkehr auf allen Straßen üben. Meine Entscheidung wird mit fantastischen Ausblicken belohnt. Damit ich diese auch genießen kann, halte ich in einer der kleinen Buchten neben der Fahrbahn. Schade, dass sich der Himmel gerade in eine dicke Wolkendecke hüllt, sonst würde ich richtig viele Fotos machen. Doch die ersten Ergebnisse geben das, was ich sehe, nur unzureichend und flach wider, darum packe ich den Fotoapparat wieder fort und nehme nur die schöne Landschaft in mich auf. 20160710_121113Bis mein Blick auf ein kleines Holzhaus fällt, das etwas entfernt steht und an einen Western-Saloon erinnert. Wenn das nicht … Und wirklich, ich habe Glück! Es ist einer der vielen Tea Rooms (auch wenn sich dieser als Coffee House ausgibt), die überall in Schottland – ob in der Einsamkeit oder an belebten Orten – zu einer kurzen Pause einladen. Und sie kommen sehr unterschiedlich daher, mal mit dem rauen Charme der Wildnis, mal fein herausgeputzt mit Spitzenschmuck und ganz viel Deko, bei der man sich in eine Art Märchenland versetzt fühlt. Und manchmal sind sie sogar mitten in Verkaufsräumen. Bisweilen gehen die Erlöse aus den Tea Rooms auch an ein soziales Projekt. Doch gleichgültig, ob die Mitarbeiter ehrenamtlich hier arbeiten oder damit ihren Lebensunterhalt verdienen, man spürt, dass Gäste herzlich willkommen sind. Ich mag die Tea Rooms sehr. 20160710_120232Zumindest für die Dauer einer Kanne Regular Tea, womit der Frühstückstee gemeint ist, zumeist ein Verschnitt verschiedener Schwarzteesorten, in denen der Assam jedoch den Ton, beziehungsweise die Farbe angibt. Und weil die Teebeutel in der Kanne verbleiben und von Tasse zu Tasse das Getränk kräftiger und dunkler machen, gibt’s mancherorts noch ein Kännchen heißes Wasser zum Verdünnen dazu. Meiner Erfahrung nach vor allem in den Highlands und auf den Hebriden.

Dass es noch nicht einmal zehn Uhr ist und mein dreigängiges Frühstück bestehend aus Toast mit Butter und Marmelade, Bohnen, Black Pudding, gegrillten Tomaten, Pilzen, Schinken, Rührei, Kartoffelpuffern und einem Obstsalat als Nachtisch noch immer meinen Magen füllt, hält mich nicht von einer Pause ab. Doch ich verzichte diesmal auf Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade und beschränke mich auf den Tee.

20160711_11542020160711_111055Bei den Tea Rooms kommt mir übrigens immer The Oven Door in Peebles in den Sinn. Der kleine Raum ist meistens gut besucht. Ich kenne ihn seit vielen Jahren und freue mich immer schon auf den leckeren Kuchen, der hier auf buntem Geschirr serviert wird. Natürlich war das mein erster Weg nach meiner gestrigen Ankunft …

SOME LIKE IT SCOT

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Zugegeben, der Titel ist nicht von mir. Die witzige Abwandlung des 1959 entstandenen Billy-Wilder-Klassikers Some like it hot habe ich zuletzt auf einem Plakat mit dem schönen Konterfei eines aktuellen Highland-Filmhelden gelesen. Also nicht ganz neu, aber passend. Zumindest für mich, denn vor mir liegen gut zwei Wochen Schottland. Mit dem Mietwagen, wie üblich. Zuerst stehen die Lowlands auf dem Programm. Diese scheinen manchmal hinter den vermeintlich spannenderen Highlands zu verschwinden. Doch ich finde das Grenzgebiet zwischen England und Schottland mit den sanften grünen Hügeln, den malerischen Küstenregionen an Ost- und Westseite des Landes und den vielen architektonischen und sonstigen Zeugnissen einer überaus lebhaften und wechselvollen Vergangenheit genauso spannend, wie den größeren Landesteil jenseits der Forth Bridge.

Kaum ist mein Flugzeug in Edinburgh gelandet – von Düsseldorf aus dauert der Flug nur knapp eineinhalb Stunden – finde ich mich auch schon mit Koffer und Rucksack am Schalter meines Autovermieters ein. Mein Mann, der nicht mitreisen konnte, hat mich von einem etwas größeren Modell überzeugt, damit ich im Linksverkehr gut geschützt sei. Darum sitze ich nun allein in einem Auto, in dem noch Platz für mindestens vier Mitfahrer und deren Gepäck wäre. Leider ist durch den breiteren Wagen auch der Abstand zu parallel zur Fahrbahn parkenden Autos kleiner geworden. Ein Punkt, an den ich mich beim Fahren im Linksverkehr ohnehin immer gewöhnen muss, egal, wie groß oder klein das Auto ist. Prima hingegen finde ich die vielen Roundabouts, die auf der britischen Insel die Kreuzungen weitgehend ersetzen.

Mein erstes Hotel ist in der Nähe von Peebles. Die schöne Kleinstadt wiederum liegt gut 20 Meilen südlich von Edinburgh in den Scottish Borders. Ich kenne Peebles schon von früheren Besuchen und genau darum zieht es mich immer wieder hierhin. Denn die Stadt hat durch ihre architektonischen Sehenswürdigkeiten, wie die Old Parish Church mit Kronenturm, dem Neidpath Castle, dem Fluss Tweed, schönen Geschäften, Gässchen und Museen sowie einer Kunsthandwerker-Szene einiges zu bieten. Mit verschiedenen20160711_114821 Festivals rund um die Themen Jazz und Kunst weiß die Stadt außerdem zu feiern. Am bekanntesten ist wohl das Beltane-Festival zum Sommerbeginn, das in der 3. Juniwoche stattfindet und seine Wurzeln in der keltischen Mythologie und Religion hat. Vielleicht sollte ich für nächstes Jahr schon einmal für diesen Zeitraum buchen.

1152 hat König David I. von Schottland Peebles den Rang einer Royal Burgh verliehen. Und aus dieser Zeit gibt es sogar noch den Turm der St Andrews Kirche, während das auf der Hauptstraße stehende Mercat Kreuz Peebles als alte Marktstadt ausweist. 20160707_214300Apropos Kirche, auf einem Straßenschild lese ich Cross Kirk. Scots, eine westgermanische Sprache, die in den schottischen Lowlands, den Southern Uplands und in den Regionen um Glasgow und Edinburgh gesprochen wird, – nicht jedoch im ‚gälischen Schottland‘ der Highlands und Hebriden-Inseln – hört man hier nicht nur in der Aussprache, sondern findet es auch in der Schriftsprache – wie hier Blau auf Weiß. Scots ist übrigens nicht mit dem schottischen Englisch gleichzusetzen, der heutigen Amts- und Bildungssprache in Schottland, sondern eine eigene Sprache.

20160711_111521Mein erster Besuch in Peebles liegt inzwischen elf Jahre zurück. Damals erschien mir ein Ausflug in den gut 8.500 Einwohner zählenden Ort wie eine Fahrt in die große Stadt. Gemeinsam mit vier Bekannten genoss ich damals umgebende Natur und Einsamkeit in einem wunderschönen Ferienhaus in Drumelzier, einem Örtchen, das ebenfalls im Tal des Flusses Tweed und nur wenige Meilen von Peebles entfernt liegt. Direkt neben dem Haus plätscherte ein kleiner Bach und gleich dahinter stieg ein grüner Hügel an.20160712_104734 - Kopie

20160708_201132Doch als Alleinreisende ziehe ich diesmal die Geselligkeit in einem Hotel vor. Mit dem Mercure Peebles Baronet Castle Hotel habe ich Glück. Es sieht nicht nur von außen schön aus, es ist auch von innen ein Ort, an dem ich die nächsten fünf Tage verbringen will. Denn so lange werde ich mich in den Scottish Borders aufhalten, bevor es weitergeht in die Highlands. Nach einem ausgiebigen Abendessen im Hotelrestaurant mache ich mich auf den langen  Weg durch viele enge Flure zurück in mein Zimmer. Die Böden und sogar die Treppen sind hier mit großkarierten Teppichen belegt. Und dann glaube ich einen Moment lang tatsächlich zu träumen. In einem der Flure kommt mir ein festlich gekleideter und sehr attraktiver Mann mit schwarzen Haaren, Bart, Jackett, Weste, Hemd und Schlips entgegen. Ich wage einen Blick auf den unteren Teil seiner Bekleidung, der aus einem grün-blau-karierten Kilt und farblich passenden Strümpfen, einem Sporran (Geldtasche), einem Gürtel mit auffallender Schnalle sowie dem Sgian Dubhs (Messer) im Strumpf besteht. Abgerundet wird die Bekleidung von den passenden Ghillies Brogues (Schuhen) mit den besonderen Lochmustern und den mehrfach um die Fesseln geschlungenen Schnüren. Bei diesem Anblick verschlägt  es mir erst einmal die Sprache. Zum Glück ergreift der Mann das Wort und wir tauschen schließlich ein paar Höflichkeiten aus, während wir uns in dem zugegeben sehr engen Gang aneinander vorbei bewegen. Dabei stelle ich fest, dass der Mann sogar ein wunderschönes Lachen hat. Wird hier vielleicht ein Film gedreht und ich stehe gerade vor dem Helden der Geschichte? Einen Moment lang liegt mir tatsächlich die Frage auf der Zunge, ob ich vielleicht ein Foto von ihm … mein Handy wäre griffbereit. Doch dann sind wir zum Glück schon aneinander vorbei und ich habe mir diese Peinlichkeit erspart.

20160710_152937 - KopieGanz beschwingt erreiche ich mein Zimmer im dritten Stock, wo ich mich wie das Burgfräulein persönlich fühle und einen schönen Blick in den Schlossgarten habe. Und siehe da, das Rätsel löst sich. Dort unten versammeln sich gerade Gäste einer Hochzeitsfeier. Auch mein Held aus dem Gang trifft in diesem Moment ein. Und er ist nicht allein, denn als ich nun den Blick über die fröhliche Gesellschaft schweifen lasse, erkenne ich, dass mindestens ein Drittel der anwesenden Herren Kilt trägt. Ich bin wirklich wieder in Schottland …

Eine Geschichte voller Magie und Geheimnisse der Vergangenheit

Der Smaragdgarten – ein Sommerroman von Nora Gold

— eine alte Villa, ein düsteres Geheimnis und eine große Liebe —

Smaragdgarten_oBEin nächtlicher Anruf ihrer Freundin lässt Hannah aufhorchen: Etwas stimmt nicht mit der so disziplinierten Marlene. Hannah macht sich auf den Weg in den kleinen Weinort bei Dresden, wo Marlene seit Kurzem lebt, und findet ihre Freundin in einem erschreckenden Zustand vor. Nach anfänglichem Zögern berichtet Marlene schließlich, dass sie von etwas Unbekanntem bedroht wird. Doch auch Hannahs geordnete Welt, zu der eine feste Beziehung mit einem Mediziner gehört, gerät durch Marlenes undurchsichtigen Nachbarn Jonas vollkommen aus dem Gleichgewicht. Welche Rolle spielt jedoch der mittellose Künstler, der in einer alten Villa lebt, die ein düsteres Geheimnis birgt? Ebenso der stille Junge David, der auffallend oft Marlenes Nähe sucht? Und was ist eigentlich mit Peer, Marlenes Ehemann? Während Hannah immer stärker in Jonas‘ Bann gerät, fühlt sich Marlene zunehmend von anonymen Botschaften verfolgt. Bei einer Feier kommt es schließlich zur Katastrophe. Und plötzlich geht es um viel mehr, als um Antworten auf all die ungelösten Fragen.

Wie üblich mit einer Prise Magie…

Als eBook und Print bei Amazon erhältlich.

Vorbilder

Das außergewöhnliche Leben der Lillian Gilbreth (1878 – 1972)

Ein Gastbeitrag von Alicia Muth

Manchmal im Leben wird man gefragt, ob man Vorbilder, gar Idole, habe. Ich hatte damit immer ein kleines Problem – ich hatte eigentlich nie so recht eines. Kein echtes, fixes, mal abgesehen von meinen Eltern, die ja für alle Kinder in gewisser Weise ein Vorbild sind. Und abgesehen von Oma Margareta, die das nach wie vor für mich ganz speziell ist.

Im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren lernte ich dann jemanden kennen, der heute mein Vorbild ist, obwohl wir im Grunde rein gar nichts gemeinsam haben, abgesehen von der Tatsache, dass wir beide Frauen sind. Mein Vorbild vielmehr war es, denn sie ist schon lange tot.

Ich lag mit einer schlimmen Bronchitis und Fieber krank im Bett. Alle Bücher waren bereits gelesen, andere Beschäftigungsmöglichkeiten waren aufgrund der Erkrankung nur erschwert möglich. Meinem Vater tat das leid, und als er einmal in die Stadt fahren musste, um Besorgungen zu machen, ging er in eine Buchhandlung. Er wusste, wie gerne ich lese. Und nach seiner Rückkehr nach Hause kam er in mein Zimmer und hielt ein Buch in der Hand. Ein Taschenbuch. Er wirkte fast ein wenig verlegen, als er meinte: „Ich habe leider den ersten Band nicht bekommen – das sind eigentlich zwei Bände. Aber es wird dir sicherlich gefallen.“ Und er berichtete, dass es um eine amerikanische Familie gehe, eine Familie mit zwölf Kindern, und die Handlung spiele in den 1920ern. Er erklärte, der Vater sei Ingenieur gewesen, Spezialist für Rationalisierung und Arbeitsoptimierung inklusive Zeitstudien.

Ich hörte nur „Ingenieur“, und da mein Vater selber Ingenieur ist und ich von klein auf stets dergestalt mit technischen Erklärungen, Lehrstunden und weiteren Dingen dieser Art konfrontiert worden war, dass es manchmal etwas nervend wurde, dachte ich: „O Gott! Nun auch noch im Krankenbett! Und die Handlung spielt auch noch in der Urzeit!“ Aber da ich sehr an meinem Vater hänge und mich rührte, dass er in der Stadt extra an mich gedacht hatte, las ich das Buch an. Etwas zögerlich zunächst. Und dann legte ich es nicht mehr aus der Hand, denn es war nicht nur interessant, sondern fesselnd. Ein so liebenswertes Buch war es, dass ich ganz traurig war, als ich es ausgelesen hatte. Man mag es nun für verrückt halten, aber ich las es direkt noch einmal. Mein Vater hatte einen Elfmeter getroffen.

Jahre später entdeckte ich bei meinem Ex Richie den ersten Band und las ihn auch in einem Stück durch. An einer Stelle liefen mir dann sogar Tränen übers Gesicht, so sehr hatte ich mich mit dieser Familie „angefreundet“: gegen Ende des ersten Bandes, als der Vater ganz plötzlich und unerwartet stirbt. Band zwei hatte kurz nach dessen Tod eingesetzt, und obwohl ich ja wusste, was Sache war, berührte mich das Ganze doch sehr. Denn: Es ist alles authentisch. Diese Familie, die so sympathisch und tüchtig war, gab es

Postage stamp USA 1983 Lillian M. Gilbreth

Copyright: laufer – Fotolia.com; a stamp printed in the USA in 1983 shows Lillian M. Gilbreth, American psychologist and industrial engineer

wirklich: die Familie Gilbreth. Nach den Büchern sind in den 50ern zwei Filme gedreht worden – „Cheaper By The Dozen“ und „Belles on Their Toes“, zu Deutsch: „Im Dutzend billiger“ und „Aus Kindern werden Leute“.

Mein spezielles Vorbild kommt aus dieser Familie und wurde aufgrund höherer Gewalt zu deren Oberhaupt: Lillian E. Moller Gilbreth, die Mutter des Dutzends. Ihr seht, wir haben schon an dieser Stelle rein gar nichts gemein, denn ich habe nicht einmal ein einzelnes Kind. Geschweige denn ein rundes Dutzend.

Und doch ist sie mein Vorbild, denn sie hatte es gar nicht leicht, als ihr Mann gestorben war und sie ihre Kinder allein durchbringen musste. Da sie selber Psychologin und Ingenieurin war und stets mit ihrem Mann zusammengearbeitet hatte, übernahm sie seine Aufgaben, um die Firma weiterzuführen und die Familie zu ernähren, den Kindern ein Studium zu ermöglichen, wie es stets ihr und ihres Mannes Wunsch gewesen war. Aber man machte es ihr trotz ihrer Kenntnisse, ihrer Intelligenz und ihres gesunden Menschenverstandes nicht leicht. Kein Wunder in dieser Zeit, denn sie war ja eine Frau, und die konnten doch nur kochen, backen, gegebenenfalls Klavier spielen, sticken, stricken, häkeln und Kinder bekommen und erziehen. So dachte man wohl.

Aber Lillian Gilbreth hat gekämpft. In erster Linie für den Erhalt ihrer Familie, denn wäre sie gescheitert, hätte die Familie nicht zusammenbleiben können, und die Kinder hätten zwar nicht im Heim, aber bei Verwandten untergebracht werden müssen, etwas, das Lillian Gilbreth um fast jeden Preis verhindern wollte. Nur im absoluten Notfall wollte sie das akzeptieren – die Kinder sahen es genauso. Schlimm genug, dass der Vater so plötzlich gestorben war – man hielt zusammen, um nicht auseinandergerissen zu werden.

Aber auch die Firma ihres Mannes, der ja ein gefragter Experte war, musste weiterbestehen. Sie verfügte über die gleiche Expertise, aber man nahm sie nicht für voll, belächelte sie in den „Roaring Twenties“.

Geschafft hat sie es durch Beharrlichkeit, ihre Kenntnisse und ihren offenbar ungebrochenen Willen. Und damit überzeugte sie auch die ärgsten Zweifler. Und so erlangte sie nicht nur den Grad eines PhD, sondern wurde damit auch noch Professorin an der Purdue University, dem New Jersey Institute of Technology und an der University of Wisconsin-Madison.

Mein Vater berichtete immer voller Hochachtung, wie er als Student an der RWTH Aachen einen Gastvortrag besucht habe, den Lillian Gilbreth, schon recht alt, dort gehalten hätte. Sie sei eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen, und er ziehe den Hut vor ihrer Leistung. „Eine echte Ingenieurin mit sehr viel Stil und Autorität.“ So sagte er immer.

Aber dass mein Vater sie quasi persönlich „kannte“, habe ich erst lange nach seinem Buchmitbringsel erfahren. Das machte das Ganze natürlich noch viel interessanter.

Lillian Gilbreth und ich haben im Grunde rein gar nichts gemeinsam. Aber sie ist ein Vorbild, da sie nie aufgab. Und sie ist für mich im Hinblick auf Emanzipation ein echtes Vorbild, da sie das Prinzip nicht nur verstanden hatte, sondern auch lebte. Und das bereits vor dem Tod ihres Mannes. In den Goldenen Zwanzigern. Keine bloße Umkehrung von Vorzeichen, die keinerlei Fortschritt bringen würde; nur, dass dann die andere Gruppe sich die Rosinen herauspicken würde, statt der bisherigen. Das war wohl nicht ihre Linie. Sie hat es rigoros durchgezogen, doch wohl nicht nur, weil sie musste. Offenbar eine echte Persönlichkeit. Und da ich das so bewundernswert finde, hängt schon seit längerer Zeit ein Foto von ihr an meiner Büro-Pinnwand. Als dezente Mahnung, niemals aufzugeben, ganz gleich, was für ein Murks über einen hereinbricht.:-)

Und damit ähneln meine beiden speziellen Vorbilder einander. Und noch etwas: Knöpft eure Blusen und Hemden immer von unten nach oben zu. Spart Zeit. Und wenn ihr das nächste Mal einen Tret-Mülleimer oder einen Handmixer benutzt, denkt an Lillian Gilbreth: Wäre sie nicht gewesen, hätten beide Dinge von jemand anderem erfunden werden müssen. Und nicht nur die.:-)

Sage zur Johannisnacht

318„Jetzt zogen Nebelschwaden vom Fuß des Berges herauf und legten sich wie ein kühler Hauch über das Land. Auch die Natur präsentierte sich plötzlich verändert, die Nachtvögel waren verstummt und die Blätter der Bäume hatten aufgehört, im Wind zu tanzen. Die ganze Welt schien plötzlich still zu stehen, heute, in der Johannisnacht. Der einen Nacht im Jahr, in der sich der Berg dem öffnete, der zur richtigen Zeit kam.“

Sagenhafte Oberlausitz

Bei einem Anbieter für Städtereisen habe ich heute meinen Roman Johannisnacht als Buchempfehlung für die Lessing-Stadt Kamenz entdeckt. Das hat mich gefreut. Auf die kleine Stadt in der Oberlausitz bin ich während meiner Recherche gestoßen. Als ich auch noch eine Sammlung mit wunderschönen Sagen dieser Region entdeckte, habe ich entschieden, Kamenz in die Romanhandlung einzubeziehen. Die Stadt hat nämlich auch ihre ganz eigene Sage zur Johannisnacht (23. auf den 24. Juni, siehe ganz unten) …

Ein Besuch in Kamenz lohnt sich aber zu jeder Zeit!

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www.tripango.de/tourismus/kamenz/

„Der kleine Ort präsentierte sich in der warmen Nachmittagssonne von seiner strahlenden Seite. Ich ließ die Fassaden im klassizistischen Stil auf mich wirken, die vielen Durchblicke, die die schmalen Straßen boten, und die besondere Atmosphäre von Kamenz. An jeder Ecke wiesen kleine Schilder Ortsunkundige zu den Attraktionen der Stadt.“

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„In den Monaten nach unserer ersten Begegnung sind Benedikt und ich oft nach Sankt Marien in Kamenz gefahren. Dann haben wir uns auf unsere Bank auf dem alten Friedhof gesetzt und von dort hinunter in die Landschaft geschaut. Es ist so ein schöner und romantischer Platz. Oft stellten wir uns dabei vor, wie die Welt wohl 1729 ausgesehen hat, als Gotthold Ephraim Lessing geboren wurde. Benedikt hat alles von ihm gelesen und schätzt ihn sehr. Nicht weil er unser Nachbar ist – zeitversetzt natürlich -, sondern weil Lessing die Dinge immer von mehreren Seiten betrachtet und sich auch mit den Argumenten Andersdenkender auseinandergesetzt hat. Am besten gefällt Benedikt Lessings Vorstellung von Wahrheit, dass man sie nicht wie einen Gegenstand besitzen, sondern sich ihr nur immer wieder neu annähern kann.“

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„Sanfte Erhebungen zogen sich zu beiden Seiten der Fahrbahn bis an den Horizont. Kontrapunkte setzten Baumgruppen, die über die Landschaft verteilt standen. Ungewöhnlich für die Jahreszeit war nur der leichte Nebel, der alles in einen dünnen, weißen Schleier hüllte. Als ob ein Zauber auf dem Land läge. Vielleicht war das der Grund, warum die Wiesen und Felder diesen Sog auf mich ausübten und mich von Kilometer zu Kilometer weiter in die Landschaft hineinzogen. Die Alleebäume rechts und links der Straße neigten sich nach außen und erinnerten mich an den Zauberwald in meinem alten Märchenbuch. Dort hatten sich die Bäume genauso gereckt und nach Anbruch der Dämmerung nach den Menschen gegriffen. Gut, dass es noch Stunden dauerte, bis es dunkel wurde.“

 

309„Was halten Sie von einem Ausflug zum Reinhardsberg in der Johannisnacht?“ Ben sah mich forschend an.
„Spukt es dort?“
„Nicht direkt“, erwiderte Ben lachend. „Wenn man davon absieht, dass ein Kobold über einen Schatz wacht, der nur in der Johannisnacht gehoben werden kann.“
„Und wir zwei sollen uns jetzt auf die Suche nach diesem Schatz machen?“
„Wäre doch ein echtes Highlight für Ihren Artikel.“
„Und sobald der veröffentlicht ist, könnte sich die Stadt kaum noch vor Geister- und Schatzjägern retten“, sagte ich lachend. „Was genau muss man tun, um an den Schatz zu kommen?“
„Man muss in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni den Berg besteigen. Dabei weist einem ein blaues Flämmchen den Weg zu einem Schlüssel. Der Weg soll an der Ostseite des Berges hinter einer eisernen Tür liegen, zu der auch der Schlüssel passt. Damit schließt man die Tür auf und findet schließlich das Gold. Aber man darf es noch nicht anfassen, sondern muss zunächst einen Gegenstand darauf werfen. So verlangt es die Sage. Dann verlässt man den Schatz wieder, ohne sich noch einmal umzudrehen.“
„Immer dasselbe“, warf ich ein, „mit dem Umdrehen haben bereits Orpheus und Lots Frau denkbar schlechte Erfahrungen gemacht.“
„Nach drei Tagen kommt man schließlich zurück und darf an der Stelle graben, an der man zuvor das Tor gesehen hat. Dort holt man dann den Schatz heraus“, beendete Ben seine Erzählung.
„Und das klappt?“, fragte ich schnell.

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Alle Zitate sind dem Roman Johannisnacht von Nora Gold entnommen.

Der Roman ist als Print-Ausgabe oder eBook bei Amazon erhältlich.

Spannendes Wissen für kleine Naturforscher

Ein Miteinander-Buch öffnet Kindern die Tür zu den Naturwissenschaften. Jetzt ist Lina und der Albatros von Silke Ottow auch als eBook erschienen.

Eine Rezension von Susanne Witzigmann

41m6j2+LOlLLina und der Albatros ist eine spannende Geschichte über das ungewöhnliche Leben von Albatrossen. Das Buch erklärt Kindern die Natur und lädt zum Selbstforschen ein. Es ist der Auftakt der Kinderbuchreihe Erwin, Lina und die Wunder der Welt und erzählt die aufregenden Abenteuer des Mädchens Lina mit dem Büchermännchen Erwin. Lina will immer alles wissen und im Moment haben es ihr Albatrosse angetan. Gut, dass Büchermännchen zu besonders wissbegierigen Kindern kommen und sich blitzschnell in jeden Winkel der Welt begeben können. So bekommt Lina schon bald anschaulichen Vor-Ort-Unterricht in Sachen Natur. Sie reist mit Erwin auf eine Albatrosinsel ganz unten auf dem Globus. Dort trifft sie die Wanderalbatrosküken Albi und Klara. Von ihnen erfährt sie, wie Albatrosse aufwachsen und auch sonst noch vieles über das Leben dieser größten flugfähigen Vögel der Erde.

Tür zu den Naturwissenschaften öffnen 

Mit viel Fantasie und Witz beschreibt Autorin Silke Ottow – selbst promovierte Naturwissenschaftlerin und Journalistin – welche faszinierenden Ideen die Natur bereithält, damit diese Tiere Höchstleistungen erbringen und überleben können. Ganz nebenbei erfahren die jungen Leser viel Wissenswertes über unsere Welt, beispielsweise über das Wasser oder das Licht und seine Farben. Und sie bekommen Antworten auf so spannende Fragen wie, warum wir eigentlich Durst bekommen, wenn wir zu viel Salz und Zucker essen oder welches Geheimnis sich hinter weißem Sonnenlicht verbirgt. Indem die Kinder das Gelesene direkt in ‚Linas Nachmach-Bastel-Experimenten‘ überprüfen können, werden sie selbst zu kleinen Naturforschern. Die Experimente sind verblüffend einfach und genauso aufregend wie die Geschichte selbst. Sie sind dabei immer direkt mit der Handlung verknüpft und ermöglichen so ein nachhaltiges Lernen. Die Materialien dafür dürften sich in den meisten Haushalten befinden oder sind einfach zu besorgen. Um alles noch besser zu verstehen, hat die Autorin das Buch mit anschaulichen und wunderschönen Illustrationen versehen. Alles ist locker und humorvoll geschrieben und spricht junge Leser auf Augenhöhe an. Es weckt Neugier, ohne belehrend zu wirken.

Ein Miteinander-Buch

Silke Ottow nennt ihr Buch Ein Miteinander-Buch und möchte damit Klein und Groß einladen, gemeinsam zu lesen und zu entdecken. Und so mancher Aha-Effekt wartet da nicht nur auf die kleinen Forscher.

Begleitend zum Buch bietet die Autorin eine Webseite an, auf der die Kinder zusätzliche Experimente, kleine Geschichten von Lina, Bastelvorschläge und noch mehr Wissen über die Wunder der Welt finden. In der Rubrik Wieso ist das so? können Wissbegierige ihren Romanhelden Fragen stellen. Zu finden unter: www.miteinander-buecher.de.

Lina und der Albatros von Silke Ottow ist als Printausgabe bei Amazon und im Buchhandel erhältlich und kostet 19,99 Euro. Gerade ist bei Amazon auch das eBook für 9,99 Euro erschienen.

Hier geht es zu weiteren Beiträgen von Susanne Witzigmann bei Focus Online.

ÜBER PÄDAGOGISCH WERTVOLLES SPIELZEUG UND SEINE AUSWIRKUNGEN

Ein Gastbeitrag von Almut Bieder

Diesen Beitrag schreibe ich für meine Schwester Stephanie. Sie ist mir manchmal etwas fremd, weil wir arg verschieden sind, aber ich mag sie sehr, und als wir heute telefonierten, kamen wir – ich weiß nicht mehr, wie – auf ein Thema, das uns als Kinder sehr bewegte: Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke. Und die daraus resultierende Freude. Aber auch den bisweilen daraus resultierenden Frust. Denn auch das kam vor.

Irgendwie war es aber auch nicht selten etwas ungerecht: Stephanie wünschte sich lange Zeit nichts mehr als eine – aus heutiger Sicht – stilistisch recht fragwürdige Puppe, die weinen und in die Hose machen konnte, wenn man – mit einem echten Baby würde man niemals so umgehen! – ihren linken Arm mit Schmackes hinunterdrückte. Dann verzog das im Grunde recht hässliche Ding sein Gesicht, und Tränen, genauer: Wasser, das man zuvor mit einer zum hässlichen Puppenkind gehörigen Flasche in die Öffnung im Mund praktiziert hatte, strömte aus den Augen. Und das Puppenkind war darob so frustriert, dass ein Teil auch noch in der zugehörigen Windel landete. Das Ding hatte jahrelang auf Stephanies Wunschzettel gestanden, bis ich es dann geschenkt bekam. Dabei hatte ich es mir nicht halb so inbrünstig gewünscht. Damals konnte ich das noch nicht so recht sehen, heute tut es mir leid für Stephanie, denn diese Puppe war ja nicht das einzige Geschenk, das sich Stephanie vergeblich gewünscht hatte, während es dann irgendwann für mich auf dem Gabentisch lag.

Das geschah keineswegs durch meine Eltern – denen tat das auch leid. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte ich diese Puppe nicht bekommen, ebensowenig den Chemiekasten und so viele andere Dinge. Das kam von anderen Verwandten, und Stephanie stand dann immer traurig daneben. Fair war das nicht. Aber es gibt ja immer irgendwie einen Ausgleich im Leben, wenn’s auch nicht tröstet.

Meine Eltern gaben sich immer große Mühe mit den Geschenken, und meist trafen sie auch ins Schwarze. Meist. Denn bis heute weiß ich nicht, ob meine Mutter körperlich abwesend war, als mein Vater sich für das Einsteigerpaket „Meyertechnik“ erwärmte. Wohlgemerkt: Nicht für sich, denn er ist Diplom-Ingenieur, noch dazu Elektroingenieur, und ich werde den Eindruck nicht los, dass er auch gerne wollte, dass eine von uns eine Ingenieurwissenschaft studierte – später einmal. Da konnte man doch nicht früh genug ansetzen!

Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass meine Mutter beim Kauf dieses Geschenks nicht anwesend war oder mit rationalen Argumenten nicht gegen meinen Vater ankam. Ich erinnere mich noch an jenen Heiligabend – ich muss etwa drei Jahre alt gewesen sein, Stephanie sieben -, als auf meinem Platz des Gabentisches viele schöne Sachen lagen. Auf Stephanies Platz lagen auch diverse schöne Sachen. Und ein großer Karton, in Geschenkpapier gehüllt.

Solch große Kartons zu Weihnachten sind ja immer recht spannungsgeladen – was mögen sie wohl enthalten? Man ist gespannt, entfernt vorsichtig das Geschenkpapier – um dann etwas zu finden, das man sich schon immer gewünscht hat! So machte es auch Stephanie. Sie zog ganz vorsichtig und sorgfältig, wie es ihre Art ist und weil es ja die Spannung noch steigert, die Tesafilmstreifen ab, die das Geschenkpapier hielten. Doch – wo blieb der Jubel? Er fiel doch sehr, sehr dünn aus, als das „Meyertechnik“-Einsteigerpaket zum Vorschein kam. Aber Stephanie war schon immer ein sehr diplomatischer Mensch, anders als ich: Sie bedankte sich lieb, aber an ihrem Gesicht war zu sehen, dass sie sich über die oben erwähnte, hässliche Puppe oder Vergleichbares weit mehr gefreut hätte.

Ich hatte da immer mehr Glück. Ich bekam meist Stofftiere. Und Lego. Mit beiden Dingen spielte ich sehr gern. Und Lego ist auch ungemein praktisch: Man braucht einen Grundbestand, und dann kann man immer Erweiterungen dazukaufen. Und so freute ich mich immer sehr über Lego – und praktisch war’s obendrein.

Diesen unglaublichen Vorteil, den Lego mit sich bringt, hat jedoch auch „Meyertechnik“ zu verbuchen. Sehr praktisch. Zumindest für die Schenkenden. Nicht für meine arme Schwester, die in der Folgezeit zuverlässig „Meyertechnik“-Erweiterungen geschenkt bekam. Und während ich mit den bunten Legosteinen Häuser baute, Fenster und Türen einsetzte und alles ganz toll fand, saß sie mit den technikgrauen Bauteilen von „Meyertechnik“ da und konnte sich zum Erstaunen meines Vaters gar nicht so sehr damit anfreunden, gar dafür begeistern. Sie beschäftigte sich – so denke ich – wohl mehr aus Pflichtbewusstsein damit, weil sie meinen Vater nicht enttäuschen wollte. Obwohl so ein reizender, kleiner und batteriebetriebener Motor – ergo ein Elektromotor – dabei war! Ich kann mich daran erinnern, dass die Dinge, die dann tatsächlich damit gefertigt wurden, nicht nur unter Regie meines Vaters, sondern eigentlich ganz und gar von ihm gebaut wurden, während Stephanie und ich staunend danebenstanden!

Sogar eine kleine Seilbahn baute mein Vater, die von der Tür bis zum Fenstergriff unseres Kinderzimmers reichte! Der kleine Elektromotor, der als Antrieb fungierte, funktionierte prachtvoll und beförderte zahlreiche Puppen aus unserem Puppenhaus von der Tür bis zum Fenstergriff – und wieder zurück! Nur manchmal blieben die Gondeln mitten auf der gefährlichen Strecke stehen. Die Batterien waren so schnell leer … Und so mussten wir wiederholt einschreiten und als Rettungsmannschaft die armen Püppchen aus der Notlage befreien. Wahrscheinlich waren sie danach traumatisiert …

Irgendwie war „Meyertechnik“ nicht so der Brüller. Und heute gestand mir Stephanie am Telefon: „Das war gar nicht schön. Ich habe mich selten so doof und unfähig gefühlt, weil ich mit dem Bau dieser Sachen nicht klarkam.“ Ich konnte es ihr nachfühlen. Noch dazu, da sich dieses Gefühl ja in schöner Regelmäßigkeit an Geburtstag oder zu Weihnachten verstärkte … Mit jeder Erweiterungspackung.

Liebe Eltern, bitte achtet bei Geschenken für eure Kinder stets auf die Neigungen eurer Kinder. So manches pädagogisch wertvolle Spielzeug kann zum Bumerang werden und negative Gefühle beim Kind auslösen – schlimmstenfalls sogar das Gefühl eigener Unzulänglichkeit. Das sollte man vermeiden. Meine Schwester ist ein gutes Beispiel, die das Ganze heute jedoch sehr humorvoll betrachtet. Jedenfalls haben wir heute am Telefon beide sehr gelacht.

Für meine Schwester, die nicht nur unter mir leiden musste, sondern auch unter manchem Geschenk. Aber falls es Dich tröstet: Auch mich hat das Ganze gewissermaßen traumatisiert, denn ich fragte mich fortan immer, warum Du und nicht ich dieses Geschenk bekam. War ich per naturam zu blöd dazu? Du siehst: Probleme, wohin man nur schaut …

Eine Region mit Herz und Schönheit

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20160522_154119Es sind immer besondere Momente, wenn eine Geschichte zum Ende20160522_154131 kommt, ich sie meinen Testlesern anvertraue und wieder in mein eigenes Leben zurückkehre. Gerade ist es wieder so weit. Ein bisschen Wehmut verspüre ich schon. Schließlich waren die Personen im neuen Roman viele Monate meine Begleiter. Oder so beinahe. Auch der Ort, in dem sie ‚leben‘, ist mir vertraut geworden. Dieses Mal war es das kleine Weinstädtchen Radebeul bei Dresden. An vielen Wochenenden war ich hier zu Gast, habe mich bemüht Land und Leute kennenzulernen. Meine Geschichten erzählen immer auch über die Region, in der sie spielen. Heute heißt es Abschied nehmen.

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In der Romanhandlung geht es unter anderem um Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen oder ein Elternteil früh verloren haben. Und es geht um das Kinderhaus ‚Sternenzelt‘, das Kindern in sozialer und anderer Not Unterstützung und ein Stück Geborgenheit geben soll. Das ‚Sternenzelt‘ ist erfunden. Anregungen für dessen Konzept hat mir allerdings ein Haus im westfälischen Gelsenkirchen-Buer geliefert. Das Manus, die schützende Hand, die Fußballspieler Manuel Neuer dort ins Leben gerufen hat, untergebracht in einer alten Gelsenkirchener Villa aus dem 19. Jahrhundert, die um einen modernen Anbau erweitert wurde.

Mit der sozialpädagogischen Wohngruppe „Weinberghaus“ und dem „Integrativen Familienwohnen Radebeul“ der Kinderarche Sachsen e.V. gibt es auch in Radebeul großartige und teils einmalige Projekte für Kinder. Dennoch habe ich mich entschieden, in meiner Geschichte ein fiktives Projekt für Kinder in Not zu beschreiben. So war ich inhaltlich freier.

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Gestern durfte ich ein weiteres tolles Projekt dieser Region mit Herz, wie ich sie erlebt habe, kennenlernen. Als ich in einem Supermarkt zwischen Radebeul und Coswig noch ein paar Kleinigkeiten für meine heutige Reise kaufte, stieß ich dort auf einen Stand, an dem Speisen zum Probieren angeboten wurden. Zuerst dachte ich, es handele sich um eine Produktwerbung. Doch nein. Es waren arabische Köstlichkeiten, die ich dort gereicht bekam, zubereitet und angeboten von Menschen, in deren früherer Heimat, aus der sie durch Krieg vertrieben wurden, Gerichte wie Hummus bi Tahini (Kicherebsenpüree), Falafel oder Tabuleh (Petersiliensalat) zum Alltag gehörten. Es war ein schöner Moment hier in einem großen Kreis mit Menschen aus Radebeul, Syrien, Coswig oder Dresden zu stehen, miteinander ins Gespräch zu kommen und dabei all die köstlichen Speisen zu probieren. Veranstaltet wurde die Aktion von der Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“. Schade, dass ich von dieser besonderen Initiative erst einen Tag vor meiner Abreise erfahren habe. Aber ich werde bestimmt wiederkommen.

Vielfalt ist ein Schlagwort, das auch gut zu Radebeul passt. Was ich hier entdeckt habe, schildern – in einer Auswahl – die folgenden Textfragmente. Da es sich dabei um Vorabdrucke aus dem noch unveröffentlichten Roman Der Smaragdgarten handelt, sind sie in der Vergangenheitsform geschrieben:

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20160521_160001Der kleine Ort, malerisch zwischen Elbe und Weinbergen gelegen, war für seine alten Villen bekannt. Viele von ihnen waren gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden, die meisten wunderschön restauriert. Oft trugen sie Namen, meist von Frauen, aber auch von Regionen, die fern dieses Ortes lagen und Auskunft über die Herkunft ihrer einstigen Erbauer gaben. Mit ihren häufig farbigen Fassaden strahlten die Gebäude genau die Heiterkeit aus, die typisch für Regionen mit Weinbau war. Dazu trugen auch die riesigen Gärten bei, die die Häuser umgaben. 20160522_160539In vielen von ihnen standen Pavillons, dicht an der Grundstückgrenze und möglichst nahe zum Bürgersteig. Zur Entstehungszeit der Villen, einer Welt ohne Tablets, Smartphones und sogar ohne Telefone, hatten die Gartenpavillons der Kommunikation gedient. Gut bedacht konnten die Hausbesitzer so von ihrem Sitzplatz aus einen kleinen Schwatz mit flanierenden Nachbarn und Fremden halten. Heute waren die Pavillons ein Blickfang für die, die an ihnen vorübergingen.

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20160522_154248Der Hang war hier so steil, dass man über die hohe Steinmauer hinweg ins Elbtal schauen konnte, während zur anderen Seite der Blick auf das Spitzhaus oberhalb des Weinbergs frei war. Letzteres war ein barockes Gebäude mit großem, kupfernem Turm auf dem Haupthaus und zwei symmetrisch angeordneten kleinen Türmen auf den Seitenerkern. Das Spitzhaus galt als Wahrzeichen von Radebeul. August der Starke sollte hier zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts mit seiner Gräfin Cosel bereits rauschende Feste gefeiert haben – bevor der Bau durch Matthäus Daniel Pöppelmann Mitte desselben Jahrhunderts seine jetzige Gestalt erhielt. Heute gab es im Spitzhaus ein Restaurant, von dem aus man einen herrlich-weiten Blick über das Land hatte. Besonders schön war es dort bei Dunkelheit, wenn man auf das Lichtermeer von Dresden schauen konnte. 

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20160522_144054An den Nachmittagen machten wir ausgedehnte Spaziergänge durch die Umgebung von Radebeul oder an der Elbe entlang. Manchmal stiegen wir die Weinbergtreppe hinauf und nachdem wir schnaufend und keuchend oben angekommen waren, ging es weiter durch Wahnsdorf und vorbei an den Feldern, von wo aus man einen wunderbaren Blick auf die Türme von Schloss Moritzburg hatte. Dort, wo die Brücke-Maler von 1909 bis 1911 unbeschwerte Sommer verbracht hatten. (…) Ab und zu kehrten Marlene und ich in einer der Besenwirtschaften ein. Jede hatte ihren eigenen Charakter und ihre Besonderheit.

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Die Treppe lag nicht weit von Spitzhaus und Bismarckturm entfernt und zog sich vom Fuß des malerischen Weinguts Hoflößnitz bis auf den Bergkamm. Sie ging auf die Pläne desselben Architekten zurück, der auch dem Spitzhaus Mitte der 18. Jahrhunderts seine heutige Gestalt verliehen hatte. Die Radebeuler nannten sie Jahrestreppe. Doch anders als der Name vermuten ließ, hatte die Treppe ab dem Tor zum Weinberg Goldener Wagen nicht 365, sondern 394 Stufen. Einmal im Jahr war sie Austragungsort eines Treppenlaufs, bei dem sich Läuferinnen und Läufer im Wechsel einen vierundzwanzigstündigen Marathon lieferten.

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20160521_173125Der große, schwarzhaarige Mann sah weder nach rechts noch nach links. Mit schnellen Schritten eilte er durch den Radebeuler Stadtteil Kötzschenbroda. Einem aufmerksamen Beobachter wäre vermutlich aufgefallen, dass der Mann alles um sich herum im Blick hatte. Seine Bewegungen waren ruhig, und doch kam er deutlich schneller voran, als die Menschen um ihn herum. Zumeist waren dies Touristen, die den lauen Sommerabend nutzten, um ein wenig durch den am Elbufer gelegenen Teil von Radebeul zu schlendern. Immer wieder blieben sie stehen und betrachteten die Auslagen in den kleinen Geschäften. Diese bestanden 20160521_172830zumeist aus Kleidung, Schmuck und Kunstgewerblichem. Dinge, die sich gut zum pittoresken Gesamtbild der Straße fügten, mit der Allee mächtiger Bäume, die sich den gesamten Anger entlangzogen und durch dessen Mitte ein Fußweg führte. Dicht aneinandergereihte und malerisch herausgeputzte alte Häuschen zu beiden Seiten dieses Angers prägten architektonisch das Bild. Ebenso zierliche wie schmucke Neubauten sorgten dafür, dass zwischen den alten Häuschen keine Zahnlücken klafften. Manche Neubauten zeigten bewusst Modernität, was in einem spannenden und gelungenen Miteinander mit dem alten Fachwerk stand. Verbindendes Element zwischen Geschichte und Gegenwart waren die Weinranken, die hinter und neben den Häusern in Gärten und Hinterhöfen wuchsen, manchmal bis auf den Bürgersteig spitzten und den Gästen der zahlreichen Wein- und Biergärten als natürliche Überdachung dienten.

Baulicher und historischer Höhepunkt von 20160521_173715Kötzschenbroda war die Friedenskirche, ein neogotischer Bau mit weithin sichtbarem Turm am Ende der langen Straße, die sich vor der Kirche zu einem kleinen Platz öffnete. Neben einem Ort der Besinnung und der religiösen Einkehr beherbergte der Sakralbau auch einen alten Holztisch, der als Unterlage zur Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) gedient haben sollte. Dieser furchtbare Krieg hatte auch in Kötzschenbroda gewütet. Doch am 27. August 1645 und damit rund drei Jahre vor dem westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück, der das offizielle Ende dieses Krieges markierte, war es zwischen dem damaligen sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. und dem schwedischen General Lennart Torstensson im Pfarrhaus zum Waffenstillstand von Kötzschenbroda gekommen. Dieser hatte zumindest für Sachsen den Dreißigjährigen Krieg vorzeitig beendet.20160521_173458

Doch den Mann, der heute zum ersten Mal durch Kötzschenbroda schritt, interessierte nicht die bedeutsame Vergangenheit des kleinen Ortsteils. Die Hauptsstraße mit den auffallend schmalen Häusern, hinter denen sich zur Flussseite Obstwiesen und Elbauen erstreckten, erschien ihm wie eine Puppenstube. (…) Hinzu kam, dass er Probleme hatte, sich den Namen dieses Stadtteils zu merken. Vielleicht hätte es ihm ja ein Lächeln entlockt, hätte er gewusst, dass schon Theodor Fontane in seinen ‚Irrungen und Wirrungen‘ Kötzschenbroda als ‚Dresdener Vergnügungsort mit komischem Namen‘ bezeichnet hatte. Wahrscheinlich hätte den Mann aber auch das nicht interessiert, denn er war ganz und gar nicht zu seinem Vergnügen hier.

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20151205_134500Wir gelangten schließlich auf den Dreizehn-Brücken-Weg. Dies war ein schmaler Pfad, der durch ansteigendes und abfallendes Waldgebiet mäanderte und immer wieder von dem kleinen Bach unterbrochen wurde. Dieser Weg war mein persönliches Lieblingsstück im Waldgebiet von Radebeul. Er schlängelte sich durch eine scheinbar unberührte Natur, sah man von der Tatsache ab, dass der schmale Weg immer ordentlich begehbar und regelmäßig in Stand gesetzt wurde, wenn Winter und andere Wettereinflüsse Schäden angerichtet hatten. Den Namen Dreizehn-Brücken-Weg verdankte er den vielen Holzstegen, die über den immer wieder kreuzenden Bach gelegt waren und dafür sorgten, dass man trockenen Fußes weiterkam. Ob es genau dreizehn Stege waren, musste ich unbedingt einmal nachzählen. Besonders schön war der Dreizehn-Brücken-Weg im Herbst, wenn so viele Blätter auf dem Weg lagen, dass es bei jedem Schritt raschelte. Oder im Winter, wenn eine dicke Schneeschicht Bäume und Boden mit einer weißen Decke verzauberte und eine Stille verbreitete, als sei die Welt in eine dicke Watteschicht gehüllt.

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Schloss und Gartenanlage von Wackerbarth erschienen mir heute noch prächtiger als an gewöhnlichen Werktagen. Obwohl das kaum möglich war, denn trotz aller Perfektion des barocken Baustils und der Strenge der französischen Gartenkunst strahlte dieses Schloss zu jeder Zeit eine Beschwingtheit aus, als würde hier gerade ein rauschender Ball gefeiert. Das lag vermutlich an der gelungenen Verbindung der barocken Lebensfreude mit der Heiterkeit, die allen Weingegenden eigen war.
(…)
Unser Weg führte zunächst vorbei an der Produktionsanlage. Mit ihrer klaren Architektur und der Betonung des rechten Winkels bildete das riesige Gebäude einen reizvollen Kontrapunkt zum dahinter liegenden Schloss. Der Architekt hatte es außerdem verstanden, das moderne Gebäude so zu gestalten, dass es sich trotz seiner unübersehbaren Größe durch Bauform und verwendete Materialien dezent hinter der barocken Anlage zurücknahm.
(…)
20160521_171642Das Barockschloss Wackerbarth war Ende der Zwanzigerjahre des 18. Jahrhunderts von Matthias Daniel Pöppelmann erbaut worden und lag heute eingebettet in die Weinberge des Radebeuler Stadtteils Niederlößnitz. Die Schlossanlage stieg zur Weinbergseite zu einem achteckigen Belvedere an. Rechts und links der Mitteltreppe zwischen Schloss und Belvedere standen Eiben, die zu riesengroßen Kegeln geschnitten waren. Am oberen Teil der Treppe gab es zwei Sandsteinskulpturen, die noch aus der Erbauungszeit des Schlosses stammten. Eine Venus mit Amor und einen Bacchus mit Hund. Die Flächen rechts und links der Mitteltreppe waren terrassiert und mit kleinen, ebenfalls formgeschnittenen Eiben in strenger Symmetrie bepflanzt. Graue, geschmackvolle Eisentische und Stühle auf den Rasenflächen luden die Besucher ein, sich zu einem Glas Wein und einem Stück Kuchen niederzulassen.

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In diesem Moment hörte die Musik auf zu spielen und eine Dame im eleganten Kleid und mit kunstvoll errichteter Frisur erschien mit einem Mikrofon im Eingang des Schlosses. Das musste die Moderatorin Siggi Moor sein. Sie begrüßte alle Anwesenden charmant und gab einen kurzen Abriss zur langen Geschichte des Schlosses zum Besten. So war dieses im achtzehnten Jahrhundert von seinem damaligen Besitzer testamentarisch zur Versteigerung bestimmt worden, wobei der Erlös Dresdner Witwen und Waisen zugute kommen sollte. (…) Im neunzehnten Jahrhundert waren die Räume des Schlosses zu einer Erziehungsanstalt für Knaben geworden, zu deren Zöglingen auch die durch die gleichnamige Enzyklopädie bekannten Brüder Hermann und Heinrich Brockhaus gezählt haben. Später entstand hier eine Heilanstalt für psychisch kranke Menschen und nach weiteren Stationen und wechselnden Besitzern während des zweiten Weltkriegs ein Lazarett. Damit sei Wackerbarth während der letzten Jahrhunderte immer wieder zu einem Ort geworden, an dem und durch den Menschen geholfen wurde.

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Der Roman Der Smaragdgarten erscheint im Juli 2016.

Hier geht es zu meinen Beiträgen bei Focus-Online.

„Eine Frau von Geschmack …

… könnte sich schwerlich in dieser bedrückenden Atmosphäre aufhalten.“ (Louis Vauxcelles, 1910)

Dieser Beitrag wurde auch bei Focus-Online veröffentlicht

Das harte Urteil von einem der ganz großen Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts über die Arbeiten der Münchner Werkstätten im Pariser Salon D’Automne im Jahr 1910 ist nur eins der vielen Zitate aus der Ausstellung  Deutschland gegen Frankreich – Der Kampf um den Stil 1900-1930, die das Bröhan-Museum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus in Berlin-Charlottenburg gerade zeigt. Vauxcelles Satz lässt keinen Zweifel am explosiven Miteinander französischer und deutscher Stilentwicklungen dieser Zeit.

Vom Jugendstil in Deutschland und dem Art Nouveau in Frankreich um 1900 über Art Deco der Zwanzigerjahre bis zum Funktionalismus um 1930 präsentiert die Ausstellung  Möbel und Designobjekte, sogenannte angewandte Kunst, dies- und jenseits der deutsch-französischen Grenze. Vor dem politischen Hintergrund der damaligen Zeit – dem zurückliegenden Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem späteren Ersten Weltkrieg – wird auch die Frage nach dem ‚guten Stil‘ zum Gegeneinander beider Nationen. Wieviel Sprengstoff in dieser explosiven Paarung liegt, kündigt bereits der Ausstellungstitel an. Und so scheint es irgendwie logisch, dass Frankreich und Deutschland in Stilfragen auch nicht ohne einander können, sondern sich gegenseitig intensiv beeinflussen. Im Museum stehen die verschiedenen Wohnkonzepte, denen auch unterschiedliche Lebenskonzepte zu Grunde liegen, im Dialog zueinander. Gelungen finde ich nicht nur das Konzept hinter dieser Ausstellung, auch die Fülle der wunderschönen Exponate von Künstlern wie Heinrich Vogeler, Willi Baumeister, Joseph Maria Olbrich, Ludwig Mies van der Rohe, René Lalique, Henry van de Velde, Marcel Breuer, Alfons Mucha oder Le Corbusier haben mich verführt, viel länger als geplant im Museum zu bleiben.

Nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist mir die Frankfurter Küche der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000). Ende der Zwanzigerjahre erfindet sie die Einbauküche, die mit millimetergenau auf den Grundriss des Raums berechneten Küchenmöbeln das Kochen und andere Arbeiten in der Küche ihren Nutzern so unkompliziert wie möglich machen sollen. Dunstabzug, Müllschlucker, ein nach hinten versetzter Sockel unter den Küchenelementen, glatte Fronten ohne Zwischenräume, in denen sich zuvor Staub fangen konnte, und viele praktische Details mehr kennzeichnen die Frankfurter Küche, die im 1925 gestarteten Siedlungsbauprogramm Neues Frankfurt in großer Stückzahl und je nach Grundriss in verschiedenen Varianten den Mietern zur Verfügung gestellt wurde. Besonderes Highlight war für mich eine komplette Frankfurter Küche in den Ausstellungsräumen sowie die Interviews mit Margarete Schütte-Lihotzky im Video.

Mein Fazit: Wer in die Formenwelten von Jugendstil, Art Deco und/oder in die gestalterische Sachlichkeit der Dreißigerjahre eintauchen und dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich (nicht nur) in Fragen des Stils nachspüren will, sollte diese Ausstellung nicht verpassen. Sie läuft bis zum 11. September 2016.

Bröhan-Museum
Landesmuseum für Jugenstil, Art Deco und Funktionalismus
Schlossstraße 1a
14059 Berlin (am Schloss Charlottenburg)
Deutschland
www.broehan-museum.de/

Noch mehr Funktionales

Apropos alte Dinge: In der aktuellen motz, dem Berliner Straßenmagazin, gibt es einen Hinweis auf motz – Der Laden in der Friedrichstraße 226 in Kreuzberg. Dort gibt es Altes, noch Einsatzfähiges zu kaufen: Kleidung, Bücher, CDs, Klein-Möbel. Wer umgekehrt etwas Gebrauchsfähiges abgeben möchte, ist hier ebenfalls richtig. www.motz-berlin.de

20160429_164152Noch zwei Tipps zur Nahrungsaufnahme: Im lichtdurchfluteten Innenhof des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlins Mitte gibt es ein Bistro, in dem man schnell und lecker neue Energie tanken kann – mit Studioatmosphäre und Blick auf Kameras und Scheinwerfer.

ZDF-Hauptstadtstudio im Zollernhof
Unter den Linden 36-38
10115 Berlin (Mitte)

Neu entdeckt habe ich bei diesem Berlin-Besuch das italienische Restaurant La Cantina in der Bleibtreustraße 17, in der Nähe des Ku’damms. Etwas für  Genießer und schöne Abende.